June 4, 2010

Die Bedeutung des Herz-Sutras im Hotel Nepal

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 11:51 am

Wie muss es gewesen sein, frage ich mich, in den fruehen Siebzigern, als erstmals antiimperialistische Weltentdecker an den Pokharasee gelangten? Laut Schilderungen haben sie eine bessere Welt entdeckt. Sie liessen sich nieder und lernten die Sprache der Einheimischen, lernten deren Lebensrhythmus, deren Bewegungen, Gesten. In dieser terra incognita gab es genug Freiraum fuer neue Lebensentwuerfe, naemlich, aus dem System, das als spezifisch westlich galt, imperialistisch und normierend, auszusteigen. Die konventionellen Huellen sollten fallen, und diese neugeborenen Menschen sahen sich an der Pforte des Paradieses.
Ein nahezu biblischer Flecken Erde, ein wilder Park mit Aepfeln, wo den Menschen noch hie und da goettliche Schauer befallen.
Eine uebliche Metapher fuer Unberuehrtheit, Unentdecktheit und fuer Reisende die Metapher fuer eine Reise der Suche nach geheimnisvollem und mythenumwobenem Ziel; sei es, dass ich gerade die goldenen Aepfel der Hesperiden oder einen alten Guru suche, der mir das Herz-Sutra lehrt … Gate gate paragate parasamgate bodhi svaha …
“Gone gone, gone beyond, gone altogether beyond, O what an awakening, all hail!”
Aus den Traeumen aufgewacht, frage ich: Wo? Wo ist dieser Ort?
Der Weise, den ich vielleicht suchte, wuerde antworten wie zuvor: “Gate, gate”. Gone, gone.
Wo zum Teufel, und dessen Reich ist nicht minder umstritten, ist das alles hin? Wo sind die Hippies? Wo ist die sagenhafte “echte” Landschaft?
Wo natuerliche Ufer waren, wurde nun Erde aufgeschuettet fuer Pflasterpromenaden. Wo sich Reisfelder einem grossen Faecher gleich in Terrassen reihten, stehen infantil wie Baukloetze pinke Betonhotels. Pokhara ist, der antiimperialistischen Entdeckung zum Trotz, ein buergerlicher Moloch geworden. Schicke Wi-fi Cafes nach mondaener moderner Innenarchitektur und mit Illykaffee. Ein leicht alternativer Groove bleibt noch an den Huegeln der Stadt haengen, mit Yoga und Meditationsseminaren. Aber auch diese sind mittlerweile Teil der kommerziellen Touristenpalette. An die Strandpromenade des Paradieses Pokhara kommen die Einheimischen arbeiten, auch die Bettler. Die Bevoelkerung hat es geschafft, dieses Paradies, einen Traum schlechthin, selber zu betreiben. Ganz Nepal ist auf die Betreibung dieses Paradieses fuer Touristen angewiesen. Das kann diesem Land momentan auch niemand vorwerfen, und ich wuerde ihnen diese Kurbel auch nicht aus der Hand nehmen wollen. Aber – keine Inszenierung ohne die trennende Wand. Das ist die Bedingung des Spektakels. Ich habe es entlang der Haeuserfassaden, der Berge, ja sogar der Gesichter ausmachen koennen, dieses transparente Trennwaendchen. Photogene Gesichter mit bitterer Wahrheit in den Pupillen, traditionell geschmueckte Haeuser, wo der Tod ein und ausgeht wie ein Stammgast. Man kann diese zweischneidige Realitaet ignorieren, oder man kann unerbittlich drauf eingehen. Wie ich. Ich breite morgens die Zeitung ueber den Tisch aus und lese Nachrichten ueber depressivste Armut und den Freitod junger Frauen. Ich wuensche mir, dass diese Nachricht ein Loch in die Zeitung brennt, nein, vielmehr, dass sie Loecher in diesen 24Stunden Ferienfarbfilm brennt.
Die Rueckwand des bequemen Paradieses ist eher das Gegenteil, ja, aber dafuer “echt”. Genug von Paradiesen!
Davon habe ich die Nase langsam voll. Reden wir doch lieber von Realitaet und Realitaeten.
In einem malerischen Huegeldoerfchen stiegen wir fuer drei Naechte ab. Das Gasthaus, in dem wir wohnten, vewoehnte mit hoelzerner Gemuetlichkeit und unbefangenem Umgang des freundlichen Personals. Eines Nachmittags sass ich im leeren Cafe, und die Hausangestellte stellte mir uebliche Fragen nach Familie, Beruf, Kindern etc. Etwas schwunglos gab ich darauf Antwort, fragte aber dann gleich nach ihrer Familie. Zwei Kinder. Etwas angeregter fragte ich nun, ob diese auch hier wie all die anderen vielen Kinder in Uniform zur Schule gingen. Keine Antwort. Die wenigen englischen Worte reichen jetzt nicht mehr. Glaenzende Augen und gestikulierende Arme und abwechslungsweise Englisch und Nepali bringen eine stossweise rezitierte holperige Geschichte hervor: Kinder nicht hier … geschieden … Unglueck – die Haende fliegen in die Luft, die Augen zeichnen zwei Kreise – grosse Tochter im Internat in Pokhara … kleine Tochter beim Mann … schlechter Mann … Alkohol … mit 14 geheiratet … keine Familie mehr … zweite Ehe ganz unmoeglich … Schande … bin nicht schoen … das Leben ist zu Ende … hier gut … Menschen helfen … ich bin 24.
Sie ergreift meine Arme und haelt sie an die ihrigen, wie frueher, als wir Maedchen verglichen, wer ist braeuner aus den Ferien zurueck gekommen?
Unsere Arme haben genau dieselbe Farbe. Es ist ungerecht, heult das Kind in meinem Kopf los.
Ich schaue sie an, versuche mich aber zusammenzureissen. Es ist vorbei, sage ich. Dein Leben ist noch nicht vorbei, und du traegst keine Schuld an dem, was passierte. Es bleibt dir Zeit fuer Besseres. Du bist auch schoen. Etwas Gescheiteres vermochte ich leider nicht zu sagen. Sie kniff mich lachend in die Wange.
Alles vergeht, Gutes sowie Schlechtes. Das ist das einzig Troestliche in diesem Augenblick. Ein Augenblick im selben Herzschlag:
Gate gate paragate parasamgate bodhi svaha …

May 26, 2010

Ein Buenzli im Nirvana?

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 3:09 am

Wir waren mit dem Bus unterwegs von Kakarbitta nach Kathmandu. Das bedeutete vierzehn Stunden Fahrt, mit nur wenigen Unterbruechen. Der kleine Grenzort war noch ganz in Dunkelheit gehuellt, als wir uns um vier Uhr in der Frueh in den Bus setzten. Auf dem Fahrersims brannten langsam zwei Raeucherstaebchen ab. Wir warteten und verscheuchten die Muecken, die um unsere Fussgelenke surrten. Der Fahrer liess sich in den Sessel plumpsen, und der Ticketjunge hielt sich am Tuerrahmen fest. Die mond- und sternlose Nacht liess unseren Bus wie ein Spielzeug in einer schwarzen Manteltasche verschwinden. Entlang der Landstrasse leuchteten immer wieder Taschenlampen auf, und der Bus liess neue Leute zusteigen. Um sieben Uhr war der Bus bis auf den letzten Platz voll. Der Tag brach an in weissem Dunst und versprach sehr heiss zu werden. Spaetestens gegen Mittag glich unser Bus einem Dampftopf und wir Passagiere einer Handvoll gut gequollener Dampfbroetchen. Neun Stunden hatten wir einigermassen mit einer sparsamen Mittagspause mit Dal Bhat ueberstanden, als ein fataler Fahrerwechsel stattfand. Von hinten sah er aus, wie ein gemuetlicher Buddha, mit tatsaechlich langen Buddhaohren, die halbmondig wie Momos von seinem Kopf abstanden. Was dieser Buddha uns bescherte waren fuenf Stunden Schweisshaende und ein Gespraech ueber die Wiedergeburt. Meine freundlichen Versuche “Excuse me, we would like to arrive in Kathmandu alive” fruchteten leidlich, und sogar das alte nepalesische Vaeterchen, das diskret den bleichen Kopf aus dem Fenster streckte, fiel nur deswegen ueberhaupt auf, weil es im Fahrtwind den Busbegleiter in der offenen Tuer vollkotzte. Wir schnitten Kurven, schliffen die Kanten an vorbeikommenden Bussen. Unser Bus war wie eine Guetzlischachtel auf Ralley. Mein minimal seherisches Potential sagte mir, dass diese wildgewordene Kamblybox heute noch ein Opfer findet. Hurra, Geisterbahn: Ploetzlich sehen wir ein Buswrack nach dem anderen auf der Strassenseite liegen. Gekippt, ausgebrannt, wie ein Kaefer auf dem Ruecken, mit dem Hinterteil in einem Haus und komplett eingeschossen. Fuenf an der Zahl. Wir rufen abundzu was zum Buddha nach vorne, der den Fuss wie einen Klotz auf dem Gas laesst. Nichts. Hoch gehts auf der Bergstrasse nach Kathmandu. Schneller als die Engel fliegen. “David, wenn du waehlen koenntest, als was moechtest du wiedergeboren werden?” – “Hm, im schlechteren Fall als europaeische Hauskatze.” Genau wie ich! Was eine bessere Wiedergeburt betrifft, so geraten wir beide eher in Verlegenheit. Wir stammen aus dem Bollywood-Film-Paradies. Vor unserer Landschaft und Architekur tanzen Inder in gelben Windjacken und Inderinnen in bunten Sarees. Unser Leben ist ein indischer Traum. Wenn dieser Film fertig ist, was dann? Encore une fois? Oder kommt man nach einem friedfertigen, langweiligen, ja vielleicht buenzligen Schweizer Leben direkt ins Nirvana? Wir geben zu, wir verstehen die hierarchische Wiedergeburtsordnung nicht ganz, und wollen uns auch gar nicht drueber lustig machen. Wir stellten schliesslich nur fest, dass wir beide eigentlich mit dem Wiedergeburtsmodell der europaeischen Hauskatze ueberaus zufrieden waeren und die hoehere Wiedergeburt gerne anderen ueberlassen wuerden. Wenn man freilich waehlen darf. Ich kann mich erinnern, dass ich frueher insbesondere auf unseren roten Kater neidisch war, als ich jeweils morgens um sechs Uhr meine Sachen zusammenpackte und der faule Kerl schnurrend eingerollt auf dem Sofa lag und schlafend lachte. Ein kurzes Leben, aber immerhin, viel Zeit, um gekrault zu werden. Ich sehe mich schon auf vier Beinen unter Brombeerhecken durchschleichen, waherend Kater David an der Sonne liegt. Doch ploetzlich ein Motorrad! Die Katze kreischt. Die moerderische Kamblybox: Drei Maenner auf einem Motorrad reissen vor uns die Augen auf. Der Schreck haelt sie starr, doch ihr Fahrer schafft es den Lenker im letzten Moment herumzuziehen. Sie verschwinden schleunigst am linken Rand der Windschutzscheibe. Buddha verzieht keine Miene. Er spielt sich tatsaechlich auf, als waere er ein schicksalshafter Komet, ein goettlicher Thunderbolt.
Die Dampfbroetchen im Bus realisieren nichts. Zu lange haben wir alle schon geschmort.
Dann, die naechste Ortschaft. Eine Schranke. Die Kamblybox steht still. Am Rand der rechten Windschutzscheibe bildet sich langsam ein immer groesser werdender dunkler Fleck. Faeuste werden erkennbar, und wir sehen wieder die drei Maenner mit dem Motorrad. Wutenbrannt, treten sie gegen den Bus, steigen zum Fahrer hoch und schlagen ihn ins Gesicht. Ihre Augen sehen furchterregend aus, irgendwie unwirklich. Wie die kugeligen rotgeaederten Augen wutenbrannter Goetter wie Vajrapani. Buddha verhaelt sich zumindest buddhalike. Er laesst sich kommentarlos das T-Shirt zerreissen und ins Gesicht schlagen. Als handle es sich um einen kurzen Donnerhagel oder einen Wespenangriff, haelt er sich still, bis die Maenner von ihm ablassen und die Menge rund herum sich beruhigt hat. Dann ist es ploetzlich gut. Ich war froh, hatte sich also das Fatum erfuellt fuer den heutigen Tag und hatte der Schicksalsgott nicht mehr gefordert als einen Blick ins Katzenauge des Todesgotts (Yama).

March 29, 2010

Stuendeler Huendeler

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 7:47 pm

Hundeleben in Indien. Ein Leben als Hund. Hunde leben in Indien. In Indien “leben” Hunde. Eine kleine Auslegeordnung zum Thema. In Indien ist ein richtiges Hundeleben moeglich. Mager, zerlaust, rippig, aufgedunsen, von Kraetze befallen sind die schwaecheren, die missmutigeren, die sich winselnd, flehend auf den Boden werfen oder ploetzlich aus mutiger Dummheit irgendwo zubeissen. Die anderen, die etwas staerkeren eben, sind sicher genauso windigen Charakters, doch sie halten sich gut, denn sie sind schlauer. Sie laufen mit Touristen als treue Begleiter mit, lassen sie Sicherheit und Treue spueren, bis sie ein Stueck Fisch bekommen oder dann doch einfach als Schleimer entlarvt und mit dem einheimischen “Hep!” weggejagt werden. Das ist das Hundeblicktraurige: Obwohl sie sich im Rudel so stark fuehlen, und ganze Straende unsicher machen, sucht sich jeglicher Klaeffer irgendwie den Bezug zu einem Menschen. Zurueck zum Wolf, das ist zu spaet. Das koennen sie nicht mehr. Der Mensch ist ihre Gnade. Indische Hunde fristen ein Leben unter absoluter Menschengnade: Sie werden genaehrt, verstossen, verjagt, getreten, gefuettert, beworfen – aber nicht getoetet. Mehrmals jaehrlich bringt die Huendin neue und wieder neue Geschoepfe zur Welt. Es sind samtweiche kleine Welpen, die in den Ressorts von Touristen gepaeppelt, von Kindern gehaetschelt und getaetschelt werden. Man liebt das Leben, solange es jung ist. Wie die Hunde ausgewachsen sind, traegt die Hundemutter bereits die naechste Generation. Ihre Zitzen sind so gross, man meint, man könnte dieses Tier melken wie eine Kuh oder eine Ziege. An jungen Hunden fehlt es nie – ein wahrer Jungbrunnen. Die Alten muessen sich selbst durchzuschlagen wissen. Manche mausern sich zu tatsaechlich treuen Dienern, die den Weg nach Hause zeigen, andere Hunde verscheuchen und ergeben vor der Huette warten. Andere kaempfen sich sonst auf irgendwelche Art an den Menschen vorbei durchs Leben. Sie fahren Schiff, Zug, warten an Bahnhoefen, baden am Strand. Richtige Stuendeler.
Kuerzlich bestieg einer mit uns das Schiff nach Long Island in Rangat. Ein schlanker Hellbrauner mit glattem Fell. Ein angetrunkener Bordmechaniker suchte ihn anfaenglich, vergass ihn im Laufe der Ueberfahrt aber dann. Kurz vor Long Island entdeckte er denselben wieder, als dieser am Bordrand stand und scheinbar irgendwohin aufs Meer hinausschaute. Also schlich er sich heran, und befoerderte den Braunen mit einem kurzen heftigen Tritt ins Wasser. Es waren noch ein paar hundert Meter bis zum Ufer. Der Hund tat nichts anderes als hinter dem Schiff hinterher zu schwimmen. Er folgte deutlich der Fahrspur, den Kopf knapp ueber Wasser und eilig paddelnd. Ich war froh, jaulte er nicht und schwamm irgendwann endlich direkter auf die Insel zu. Er wuerde es schaffen, wussten wir nach ein paar Augenblicken. “Idiot”, zischten wir boese ueber den Mechaniker. Was ist das fuer eine Gnade, aus Prinzip “nie” aber “beinahe” umgebracht zu werden?
Ich stand noch einige Minuten am Pier und hielt nach dem Tier Ausschau. Ich frage mich immer noch, ob ich hinausgeschwommen waere, um es dort rauszuholen, waere es wirklich noetig gewesen. Nun? Waere ich, waere ich nicht? Zum Glueck muss ich das nicht beantworten, denn der Hund lebt jetzt auf Long Island …

Die Schneiderkatze

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 7:42 pm

Eines schwuelen Abends auf den Andamaneninseln liefen wir bereits im Dunkeln die betongepfadete Strecke ins Inseldorf hinunter. Wir waren derzeit auf Long Island, einer kleineren, menschenleeren Insel. Das Dorf bestand aus notduerftig gebauten Huetten und Bretterverschlaegen. Zu gewissen Tageszeiten glich die Siedlung einer verlassenen Goldminenstadt. Dort, in dieser verlassenen Ortschaft, oeffneten sich jedenfalls die Fenster und Ladentueren erst, sobald es dunkelte. Erst dann erwachten die Buden zu Leben und knatterte aus Transistorradios der letzte Bollywoodhit.
An jenem Abend bedurfte ich eines Schneiders, um an meinem Lunhgi (Wickeltuch, ueblicherweise von Maennern getragen) einen Saum naehen zu lassen. Tatsaechlich fanden wir zwei Schneider im Dorf. Der Juengere hatte seinen Laden ziemlich voll, auch quoll es daraus an Stoffen nur so hervor. Der Aeltere hingegen stand in einem puppenstubenkleinen Lokaelchen. Seine lange weissgekleidete Gestalt wiegte sich langsam, waehrend er mit dem Buegeleisen einen dicken Stoff glaettete. Bei ihm spielte ein rotes Kaetzchen mit einem Fadenknaeuelchen auf dem Schneidertisch. Unter der Tischplatte schielte ein Hund hervor.
Wortlos trat der Schneider einen kleinen Schritt auf mich zu und begutachtete den Lunghi, indem er ihn in der Luft entfaltete. Kein Wort war noetig. Auch nicht meine kurze Begruessung und der Hinweis auf den ausgefransten Stoffrand, der sich immer weiter in den schwarzen Stoff frass.
Der Schneider stellte das Buegeleisen zur Seite, wedelte langsam mit der Hand, was dem Kaetzchen galt, das dem heissen aufgerichteten Dreieck zu nahe kam, und eine deutliche Sekunde lang strich die lange trockene Hand ueber das rote feine Fell. Der Schneider setzte sich behende an die alte Tretnaehmaschine und zog von irgendwoher einen fast unsichtbaren Faden hervor. Er suchte mit grossen Augen das Nadeloehr. Das Kaetzchen pfoetelte nun fein gegen den Finger des Schneiders und den Faden, dann drehte es auf der Naehmaschine eine Runde und sprang auf den Boden. Der Hund, der sich vor Langeweile den Kopf auf die Pfoten gelegt hatte, wachte schlagartig auf und schlich langsam dem Kaetzchen hinterher, das aus dem Laden beinelte. Der Schneider hielt gerade einen Moment inne, er hatte das Oehr gefunden und den Stoff nun unter die Nadel gezogen. Ich sah den Hund im heimlichen Anlauf auf die Katze, welche sich schon buckelte, als ganz unerwartet ein langer Bambusstock aus dem Fenster auf den Hund hinabschnellte, so zischend und knallend, dass dieser laut aufheulte und von der Katze wegsprang. Der Hund wurde einsilbig an seinen Platz verwiesen, und das Kaetzchen trabte siegreich zurueck und sprang wieder auf den Schneidertisch. Der Schneider trat aufs Pedal und der schwarze Stoff glitt durch Daumen und Zeigefinger. Das Kaetzchen beobachtete, sprungbereit. Der Schneider drehte den Oberkoerper zur Seite, streckte sich zu einem Faden und rollte ihn zwischen den Fingern zu einem Kuegelchen. Das Kuegelchen legte er auf die stoffige Unterflaeche und spickte es lautlos weg. Das Kaetzchen frohlockte mit kleiner Kralle. Der Schneider fuhr fort. Der plumpe Huempu seufzte, der Arme. Dies war nicht seine Geschichte. Am Ende des sanften Stoffes schnitt der pharaonenhafte Schneider mit langer Schere den Faden entzwei.

November 14, 2007

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 3:30 pm

November 12, 2007

Parallel Bloggen

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 12:47 pm

Man mag sich gewundert haben, warum hier partout nichts mehr geschrieben wird, obwohl ich mich wieder einmal ostwärts bewegt habe. Ich habe, geschickt oder nicht, einen separaten Blog für mein Georgien-Praktikum eingerichtet. www.sakartvelo-experiences.blogspot.com ist nun also das Pendant zu diesem hier. Allerdings werde ich ab nun auch hier abundzu etwas schreiben, wenn auch eher unregelmässig.

October 2, 2007

Eine Orientexpress-Phantasie

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 10:12 am

Nachdem ich den Proviant für die sechsstündige Orientexpresstour besorgt hatte, fand ich den Zug . Glanz und Gloria dieser Strecke hat sich ausgefahren. Nur noch zwei Wagons hingen an der Lok. Die Fahrt war langsam und wurde oft unterbrochen. Der türkische Schaffner war schweigsam aber vergnügt, kaute Sonnenblumenkerne als wäre es eine Lebensbedingung, wie das Atmen. Eine Alternative zum Zigarettenrauch. Hie und da brachte er mir einen Bund Trauben aus seinem Proviantabteil. Wir fuhren durch die Ebene, als sich plötzlich im flimmernden Licht ein bunter Vogel abzeichnete. Er schwebte geradezu über dieser landschaflichen Einöde. Es war ein Gleitschirm, der mit ich wüsste nicht welchem Wind es in der topfebenen Landschaft in den rumänischen Himmel geschafft hat. Ein paar relativ betrunkene Tschechen fanden sich dann auch noch im Korridor ein, als sie aus ihren Abteilen raustorkelten. Die waren in alkoholisierter Schlummerfahrt unterwegs nach Burgas in Bulgarien, in Aussicht auf Strand, laute Musik und leuchtstofffarbenen Bikinis. Etwas widerwillig sass das Swiss Girl dann plötzlich zu zweit im Abteil und bestritt die etwas leidige Konversation. In Veliko Tarnovo stieg ich am späten Abend aus und fand mich an einem abgelegenen Bahnhofshäuschen vor. Da es am Bahnhof überhaupt nicht nach Verkehrsmitteln aussah, fragte ich hängte ich mich einer organsierteren Reisenden an, die gerade abgeholt wurde. Ich übernachtete die folgenden Tage am selben Ort, in einem kleinen Gasthaus, welches unter dem Stadthügel in der Nähe des Flusses lag. Man traf so einige Backpacker, eine merkwürdige coole Gesellschaft, der man aber bestens ausweichen konnte. Es hatte nicht sehr viele Leute und war daher für meine vielleicht asozial wirkende Befindlichkeit ganz gemütlich. Die Stadt ist klein und touristisch, etwas billig-touristisch abundzu. Auf der Hauptstrasse gibt es jenste Cafés, die Pizza und Riesensalate zu Schleuderpreisen anbieten. Das macht den Leuten jeweils am meisten Eindruck. Kaffee gab es überall sehr guten. Ich profitierte insofern, als dass ich mir einen günstigen Haarschnitt verpassen liess. Haareschneiden im Ausland ist immer wieder spannend. Ich fand die Coiffeusen in ihren weissen Kitteln drollig, es wirkte auf mich so, als handle es sich um ein Forschungslabor, wo Haarproben genommen werden. Natürlich lagen ganz viele Klatschmagazine und bunte Haarsprays und Plastikspangen herum. An einem Abend ging ich etwas in die Unterstadt, wo ich anscheinend was „einheimischeres“ suchte und in einem ganz merkwürdigen Männerlokal eine eher peinliche Ausnahme war. Einige Sachen auf der Karte waren mir sehr gut verständlich, doch bei den Suppen wählte ich blöderweise die erste auf der Liste, nicht wissend, was Beschmek Tschorba bedeutet. Der Wt war nicht eben freundlich und wirkte buchstäblich angepisst durch meinen Besuch. Damit hätte ich leben können, doch das Menü war der wackere Todesstoss. Ich gelobe mir heute, niemals wieder diesen doofen Enthusiasmus “Ich mache es ganz anders” und “Ich bin halt mutig und frage auch nicht, was ich kriege” an den Tag zu legen. Denn nie wieder möchte ich eine  beige Kuttelsuppe mit orangen Fettaugen aufgetischt  bekommen. Drei Löffel konnte ich von dieser trüben Brühe anstandshalber probieren, und gab auf. Selbst dieser Anstand war eigentlich völlig überflüssig. Was ist denn Anstand im Balkan? Da kann die “aaschtändigi Schwizeri” nicht mithalten. Ich tippte auf Ziege, es böckelte und fühlte sich haarig an. Etwas Zweites hatte ich klugerweise aber bestellt: Ein gebranntes Ei mit Tomate im Tontöpfchen und mittendrin lag sorgfältig angerichtet ein Haar. Ich rettete mich zur Flasche Cola. Der Wirt schaute mich vorwurfsvoll an. Ich wurde meinen blöden Anstand nicht los und zahlte kommentarlos das verschmähte Essen. Das war auch billig, es war alles so billig, dass ich mich nicht einmal über das verschwendete Geld beklagte. Deshalb war der Wirt vielleicht ja sauer. Aber das ist ja auch Wurscht. Tagsüber wanderte ich durch die Gegend. Am einen Tag mit einem schneeblonden Amerikaner. Wir zogen zu Fuss  zu einem Kloster,und gingen auf einer Autostrasse auf dem Pannenstreifen. Das war, wie wir erfuhren, auch nicht abwegig. Den Rest nahm uns noch ein Pärchen im Auto mit. Das Kirchlein zeugte v.a. vom jüngsten Gericht, war voller roter Teufel und gigantischer Wolkenmonster. Das Ganze wurde bewacht von einem nicht weniger an den jüngsten Tag gemahnenden, alten Mönchlein, das so alt war, dass es gar nichts mehr sagen konnte und einen nur beunruhigend starr anschaute. Wir drückten dem Höllenpförtner eine dicke Euromünze in die schwache Hand. Der Blick schien darauf milder zu werden. Den Heimweg haben wir über den Hügel durch das grüne Unbekannte gewagt, da wir sicher waren, dass man so auch irgendwie zurückkommt. Die Abwegigkeit ist schöner als die Hauptstrasse. Wir fragten jeweils ein paar Jungs oder schweigsame Ziegenhirten, die lediglich in die Ferne schauten und prophetisch die Hand hoben. Es war sehr heiss, ich hatte den Sommer schon fast vergessen gehabt, und hier in Bulgarien tauchte er in ganzer Wucht noch einmal auf.Nach etwa zwei-drei Stunden waren wir zurück. Es war eine ganze Wanderung geworden. Der engelsweisse Amerikaner trug einen infernalen Sonnenbrand davon.

Rückblick auf Wien aus dem Nachtzug

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 10:11 am

Ich habe noch ein paar müde Notizen, die ich im Nachtzug nach Rumänien geschrieben habe:
Soeben in den Zug nach Bukarest eingestiegen, stell ich fest, dass ich nun ja wirklich in Wien gewesen bin. So lange daran gedacht und – vorbei, gesehen, geschehen.
Wien eine kaiserliche Perle, ein einziger Ballsaal, eine Naschstadt zugleich. Auf dem Markt, im Café (a Stückerl Sacher zum kleinen Braunen), im Geschäft (Mozartkugeln) – überall wird anscheinend was genascht. Selbst aus Mülleimern wurde fleissig genascht, und einmal wurde dabei vor dem Stephansdom ein angelutschtes Erdbeereis herausgefischt. Die Würstelbuden bieten Bosnawurst und Hühnerkebap. Über seit lang heruntergezogenen Storen ein altes Ladenschild mit goldenen Lettern „Stambulija“. Am bläulichen Septemberhimmel hingen wollige Wölkchen über dem eierschalenfarbenen Hinterhof. Abgesehen von mir sehen das noch die Tauben auf dem Kiesdach des Nachbarhauses.
Im braunbezogenen Sechserabteil, das ich mit drei Rumänen teile, höre ich seit zwei Stunden Unisono ununterbrochen Rumänisch, wenn das bis morgen so weiter geht, bin ich wohl um 13h40 des Rumänischen mächtig. Italienisch, Russisch, Französisch scheinen ineinander zu verwachsen, und ich versuche jeweils einen Faden dieses Knäuels aufzunehmen. Die Spur verliert sich jedoch immer wieder, und es bleibt bei einzelnen verständlichen Brocken. Es steht „Vagon climatizat“, und es wird tatsächlich etwas kühl. Der schwerleibige Mann in unserem Abteil spricht viel zu viel, ich versteh meine eigenen Gedanken bald nicht mehr. Teilweise springen einzelne Wörter hervor wie „mafia“, „bandit“, krankenschwester, „televizör“, „polizischt“. Ich versuche den Kaukasischen Kreidekreis zu lesen.
Die Fahrt dauerte 16 Stunden, eingentlich eine teure Tortur in einem rumänischen Sitzabteil. So gesehen völlig absurd per Zug zu reisen und die günstige Variante zu wählen. Um zwei Uhr nachts war ich die einzige Person im Abteil und konnte mich somit über meinen Rucksack quer über die Sitze legen. Um neun Uhr morgens erwachte ich in Transsylvanien. Ich trat auf den Korridor hinaus und befand mich am Ende des Zuges und sah auf die vielen kleinen Tunnels durch die wir fuhren. Auf den Feldern waren Schafherden und Hirten, die im Gras lagen und Halme kauten. Wir fuhren an mehreren Pferdefuhrwerken vorbei, und die Bauern schnitten das hohe Gras mit Sensen.
Ich wäre sehr gerne ausgestiegen, doch ich war „unterwegs“. In Bukarest wurde ich von Adrian und seinem Vater abgeholt, bei denen ich in der Familie wohnen konnte. Das war ein äusserst nettes Erlebnis, und die liebe Mama wird mir in Erinnerung bleiben.

Bukarest hat ein kleines Zentrum, das entweder im totalen Verfall oder in totaler Renovierung ist. Die Strassen sind alt und staubig, die vielen langen Risse in den alten schmucken Häusern zeugen von Brüchigkeit und Verschwinden einer zu erahnenden Epoche.
Hunde streunen durch die Strassen, alle mager und ziemlich aggressiv. In Hauseingängen schlafen alte Frauen manchmal. Ich sitze am liebsten in der Pasaj ….., wo man sich in einem überdachten Rondell befindet. Der Aufenthalt besteht auch aus viel Spazieren, Leute beobachten und deren Gespräche zu verfolgen, abends was trinken gehen und Narghila (Wasserpfeife) rauchen.
Adrian und seine Freundin begleiteten mich zum Bahnhof, wo ich den Zug nach Istanbul suchte. Zuerst kaufte ich mir für die Reise noch zwei Brötchen an einem offenen Bäckereistand, wo ich Zeugin eines Brötchendiebstahls wurde. Ich stand etwas hinter einem Typ mit verschlagenem Gesichtsausdruck. Während des Wartens hob er ganz langsam, die Bewegung dauerte ewig, seine Hand zum Brötchentablett und krallte blitzschnell ein kleines goldiges Süssbrot.  Da es ihm in der Eile aus der Hand fiel, schubste er es mit dem Fuss unter den Ladentisch und begann erneut ganz langsam die Hand auszustrecken.  Es sah unheimlich aus. Dabei ging es nur um ein Brötchen. Dennoch hatte man das Gefühl, als ob eine Hand sich um das eigene Herz schlingt. Eine Frau neben mir sah ebenfalls zu, doch sie hätte ebenso wenig gewagt etwas zu sagen. Ich dachte mir, es ist ja nur ein kleines, nicht mal sehr gutes Brötchen für kaum einen Franken. Umso tragischer und einschneidender schien mir das Erlebnis kurz nach meiner Ankunft, als ein altes Ehepaar beim Imbissstand sein Geld vermisste. Die alte Frau, man sah sie kaum in ihren grossen Kleidern und eingehüllt in ihr Kopftuch, schrie grausam laut, riss das Kopftuch weg und raufte sich die Haare.  Sie beschuldigte ein paar junge dunkle Männer, die dort mit vielen Säcken sassen und locker zurückgelehnt keine Miene verzogen. Ihr Mann schaute sehr bekümmert und beschämt und versuchte ruhiger als das schimpfige  Weiblein zu bleiben. Seine Arme hoben und senkten sich hilflos im dunkelbraunen Sakko. Alles was er tun konnte, war seine Frau zu beruhigen oder schlichtwegs zum Schweigen zu bringen. Das ist eine aus 1001 Millionen offenen Geschichten des Gara de Nord.

Rückblick aus Tbilisi

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 10:10 am

Am 10. September begann ich meine erste Reiseetappe nach Wien, wo ich zuvor noch nie gewesen war. Dadurch, dass ich dort ein paar wenige Leute kenne, kam es mir auch mehr wie ein kurzer Ausflug, eine Stadtreise vor. Dank dieser kleinen Selbsttäuschung stieg ich auch nicht wehmütig oder sogar traurig in den Zug, sondern fühlte mich bereit für eine kleine Exkursion. Vier Tage verbrachte ich in Wien, wo ich bei einer Kollegin unterkommen konnte, die selber gerade nicht zuhause war. Es war kühles aber klares sonniges Wetter, und ich gewöhnte meine Beine an lange Stadtspaziergänge, die relativ planlos im Zickzack jeweils im Museumsquartier oder in einem Kaffee oder in einem Park endeten, von wo ich dann schliesslich müde das Tram nach Hause nahm. Wien war sozusagen das Portal zum Osten. Tschechische und ungarische Lastwagenunternehmen schickten ihre Kleinlaster durch ,die stark befahrene Innenstadt während ich auf das grüne Männchen der altmodischen Verkehrsampeln wartete.
Eigenartigerweise ist meine Erinnerung an Wien relativ unscharf. Sehr stark in Erinnerung ist mir der Secessionstil vieler Häuser und das schöne hohe Treppenhaus mit dem Mosaikboden, wo ich gewohnt hab.

April 20, 2007

soldatenration zum frühstück

Filed under: Von Petersburg nach Turkestan — sarah @ 10:49 pm

nein, nein… ich möchte das essen nicht schlecht machen :) . letzteres war ein zwar ein zml typisch russisches mahl…lustigerweise aber von meiner französischen zimmergenossin. und auch dies hier ist etwas typisches: soldatenfood, mitgebracht an einen brunch bei uns im studentenheim. kolleginnen, die aus moskau angereist waren bekamen ein solches kulinarisches päckchen von soldaten. dazu gibt es noch eine genau geführte liste, die auskunft gibt über den inhalt der wundertüte und dessen kaloriengehalt und wie und wann man was isst. man kann aber selbstverständlich auch anders essen. zu diesem frühlingsbrunch jedenfalls hat jeder was mitgebracht, so dass die soldatenbox zum glück nicht verordnete kost war. bon appetit!

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