July 5, 2010

Chinesische Sommerfrischler

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 12:35 pm

Seit zwei Tagen sind wir erstmals in sechs Wochen so richtig auf dem Land. Sechs Wochen lang reisten wir meist durch grosse unbekannte chinesische Staedte. China, der Name ruft in meinem Bildergedaechtnis zwar stets dasselbe alte Bild hervor: Ein gruener Park mit roten Pagodengebaeuden und weissgeschminkte Menschen mit langen Aermeln. Es ist das Chinabild, das ich von irgendwelchen Tapetenmustern kenne. Wahrscheinlich Schloss Versailles, der chinesische Salon. In Wirklichkeit haben wir sehr viele moderne Grossstaedte gesehen. Spiegelnde Hochhaeuser, breite Strassen und endlose Shoppingmalls. Das Land widerfuhr uns nur waehrend Ueberlandfahrten im Bus und Zug. Auf diesen Fahrten sah man vor allem Maisfelder von Grossbetrieben. Der Mais hoert nirgends auf. Es handelt sich dabei um Tierfuttermais. Im Restaurant ist ein Teller Maissalad sogar relativ teuer. Nun sind wir endlich einmal hinter diese Maisfelder gefahren. Mit einem kleinen Bus sind wir von der naechstgroesseren Stadt Mingshui in das kleine Dorf Zhujiayu gefahren, das am Fusse eines felsigen Huegels liegt. Hier hoert die Strasse auf. Der bukolische Ort ist umgeben von einer neugebauten Ringmauer nach mittelalterlichem Stil. Als Besucher bezahlt man einen Eintritt von etwa 2 Franken. Dieses Dorf duerfte bis in die 70er oder vielleicht etwas spaeter ganz gewoehnlich in Stand gewesen sein. Mittlerweile ist ein Grossteil der Haeuser eingestuerzt oder unbewohnt. Viele Haeuser sind aus Lehm, manche auch gemauert. Das Dorf war einst vor Jahrhunderten ein Staedtchen waehrend der Ming und Qing Dynastie. Es wohnen wenige und vor allem aeltere Leute hier im Ort. Rund um die Haeusersiedlungen liegen noch einige Terrassenfelder am Hang, doch hier gibt es keine Landwirtschaft im groesseren Umfang. Die in den 40er Jahren erbaute Schule wird als Museum benutzt, wo ein paar Alltagsgegenstaende ausgestellt werden. Die Schule besteht aus mehreren Gebaueden mit dazwischenliegenden Innenhoefen. In der Naehe steht eine grosse Wand mit dem langsam abgewaschenen Portraet Maos, wovon die polierten Knoepfe seiner blauen Joppe am besten noch zu sehen sind. Ein so halbzerfallenes Doerfchen verstroemt natuerlich ganz besonders romantischen Charakter. Tatsaechlich ist dieser Ort tagsueber ein sehr beliebtes Reiseziel fuer die chinesische Mittelklasse, die mit Privatauto herfahren koennen. Die aelteren Frauen bringen am Vormittag allmaehlich ihre Eier, Omelettes, Getraenke und Souvenirs in Position und warten auf Besucher. Die wenigen Restaurants, die es gibt, sind am Abend voellig leer. Als wir ankamen verspiesen wir ganz einsam einen Teller Pfefferminze im Bierteig und Omelettes sowie Tomatensuppe. Heute Mittag hingegen war der Hof unserer Herberge voller Leute und es wurde alles moegliche aufgetragen. Der Tisch der Gaeste sah nach dem Essen aus wie nach einem mittelalterlichen Gelage im reichen Ueberfluss. Dunkle Limousinen rauschen hier auch an und schicke Damen und Herren kommen hier auch auf Wochenend- oder Ferienvisite. Ferien auf dem Lande. Das sei heutzutage gerade sehr angesagt bei denen, die sich etwas mehr leisten koennen, meinte ein chinesischer Geschaeftsmann kuerzlich zu uns. Die Leute hier im Ort freuts jedenfalls, denn das bedeutet ihre Lebensgrundlage. Die Haehne werden, bis zum Tag, an dem sie bestellt, gewogen und geschlachtet werden, in leider sehr engen Kaefigen gemaestet. Alles wird bereitgemacht fuer die Touristen auf dem Lande. Der Hahn wird frisch geschlachtet, und der Gast darf in die Kueche und Zutaten auswaehlen. Tagsueber laeuft man zur neuerbauten Betonpagoda. Dort oben erwartet einen unter spiritueller Musik eine Art moderner Tempel, der von einem aelteren Herrn und einem juengeren in traditionellem Kostuem bedient wird. Man bezahlt 2 Yuan, um auf die Pagoda zu steigen, die Aussicht zu sehen und die Taogoetter aus zu buntem Porzellan anzuschauen. Gegen 100 Yuan (ca. 18CHF) kann man an einem taoistischen Ritual teilnehmen. Ein junges Paerchen liess sich dazu hinreissen mehrmals den Stoessel gegen eine grosse Glocke zu schlagen, waehrend der Mann im Kostuem dazu etwas sehr laut rezitierte. Der junge Mann rieb danach eifrig an den Henkeln einer Kupferpfanne, damit ein Geraeusch entstand, Raeucherstaebchen wurden angezuendet und das junge Paerchen wirkte in ihrer Taetigkeit irgendwie sehr zeremonielos und ungeschickt. In pastellfarbenen Coddle-T-Shirts (Nachahmung von Lacoste) und Louis-Vuitton-Verschnitten wirken sie fast unecht in der Landschaft, oder wirkt die Landschaft unecht? Das Dorfleben und alte Traditionen sind wieder In. Halb vergessen wirkt dieser Ort und halb im Aufbruch zu einem populaeren Naherholungsgebiet.

Ueber Chinas Schachbrett

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 12:19 pm

Wo lai Zhungguo wanr. Ich komme nach China reisen. Oder: Ich komme nach China spielen. Ob man den Spielstein von Feld zu Feld schiebt oder ob man fremde Laender besucht – in China benutzt man ein und dasselbe Verb fuer diese Taetigkeiten – “wan”. Dabei sind Chinesen nicht wirklich die grossen Welteroberer und leidenschaftlichen Reisenden. Dafür sind sie absolut spielsuechtig. An jeder Ecke wird gespielt und gepokert. Und das von morgens frueh bis spaet in die Nacht. Eines meiner Lieblingsszenarios zeigt zwei Maenner in beigen Bundfaltenhosen und weissen ausgetragenen Unterhemden (was hier alle Maenner ueber 45 tragen) beim Schach mit Zigarrettenkippen im Mundwinkel und einem alten fetten Mops im Schoss.
David scheint gerade zum Spielen nach China gekommen zu sein. Ueberall lauert er den alten Maennern beim Xiang qi (Chinaschach) auf und wird auch nicht selten aufgefordert mitzuspielen. Schweigsam werden eine Weile lang die Positionen ausgefochten, bis sich eine grosse Traube Maenner ums Brett ansammelt und die Kommentare und Ratschlaege immer lauter werden. Bei hitzigen Spielen ist das Brett voller Zeigefinger. Die handballengrossen Steine knallen aufeinander, wenn eine Farbe der anderen unterliegt. Die Spiele enden immer lachend, mit vielen Lachfaeltchen, viel und schnellem Wortfluss und vielen “Tinbudong, Tinbudong, Tinbudong” (Tinbudong: Ich verstehe nicht.) Irgendwann streifen wir dann weiter dem schmalen linearen Gaesschen entlang, durch den Hutong, die chinesische Altstadt. Streng ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen bilden diese Staedte einen groesseren Plan eines Schachbrettes. Auf dem Pekinger Bazaar haben wir eine Schatulle mit Xiang qi Steinen und Spielfeld gefunden und reisen seither mit Xiang qi durchs Land. Dieses kleine Zaubermittel verkuerzt die langen Reisezeiten und ueberbrueckt alle Tinbudongs. Beim Spielen ist Sprache gar nicht so noetig. Wir stossen hier auf sehr viel Offenheit gegenueber uns Reisenden. Das hat uns sehr erstaunt, da wir oftmals das Gegenteil gehoert oder vermutet hatten.
Englisch sprechen sehr, sehr wenige Leute. Erstaunlicherweise wurden wir aber oft von kleinen Maedchen in Englisch angesprochen, ob wir Hilfe brauchen. So hatten wir einmal im Nudelladen eine kleine Uebersetzerin. Ansonsten jonglierten wir mit den Silben unseres Reisefuehrervokabulars herum und wiederholten manchmal tausendfach, bis wir dann mit den Haenden zeichneten. Mit der Zeit lernten wir ein paar Worte, und irgendwann stellten wir fest, dass wir wohl laenger in China bleiben wuerden, da wir nicht weiter nach Russland reisen konnten (debile Visabestimmungen). Dann, so kann man sagen, wurde das Spiel etwas ernster, und ich lernte zwei Wochen ganz grundlegendes Chinesisch. Nach zwei Wochen Peking packten wir unser Schach und mein Chinesisch Kauderwelsch in kleine Rucksaecke und fuhren in den chinesischen Dongbei (Nordosten). Eine neue Spielrunde. Mit nun zwei gesammelten Spielbonuspunkten. Nun wurde Einkaufen lustiger, man konnte endlich mal verhandeln und sonst mal etwas schwatzen (wenn auch wirklich sehr rudimentaer). Mit einer neuen Sprache hat man das Privileg eines Kleinkindes, so scheint mir. Das “alles nochmals von vorne” hat auch wirklich etwas Erfrischendes ganz zu Beginn. Herumstammeln, in der Not Worte zusammenflicken – alles ganz normal. Hauptsache man kann sich irgendwie ausdruecken (Gestensprache ist hier auch nicht ganz gleich wie bei uns). Ich muss zugeben, die Leute beweisen hier meistens auch eine lange Geduld.
Die Reise in den Nordosten war vor allem Dank Gespraechen und Spiel mit LEuten sehr spannend. Die Landschaften fand ich auf meiste Strecken eher bedrueckend. Seit wir in China angekommen sind, haben wir keinen natuerlichen Wald gesehen. Natuerlich ist das Land weit und gross, und wir haben zweifellos nur einen Ausschnitt gesehen. In diesem Ausschnitt jedoch standen Baeume streng Spalier oder in lichten genau bemessenen Anordnungen. Kein Saeugetier findet dort seinen Platz. Jeder Flecken Erde ist Nutzflaeche. Linear abgesteckt und bebaut mit Jungwald, Mais oder Wohnbloecken. Der ewig weisse Himmel, durch den heiss und grell die Sonne drueckte, machte die Stimmung gaenzlich depressiv. Ueber den Staedten wie Qingdao, der Kuestenstadt, hing ein dicker weisser Nebel, angeblich Smog, der Landschaft und Meer verschluckte. Diese Welt war grell ausgeleuchtet und schattenlos. Zweidimensional. Flaeche reihte sich an Flaeche. Das beste war, sich waehrend Zugfahrten in ein Spiel oder Buch zu vertiefen und in den Staedten die kleinen schattigen Winkel zu suchen, die Jiaozi (Dumplings) und Nudelbuden, die Spezereienlaeden und Teestuben. Nach Indien und Nepal ist China ein sehr lineares Spielbrett, eher Formenstreng und schlicht. Unsere Reiseroute wirkte formaler und strenger, unspektakulaerer. Die Tempel erschienen mit unglaublich leer und auch der beruehmte Gugong, die verbotene Stadt, war riesig aber irgendwie so hohl. Nach dem Barock Indiens muss man sich direkt an diese per Kompass ausgerichtete Linearwelt gewoehnen. China ist ein pragmatisches Spiel, soviel wurde uns klar. Hier faehrst du als Tourist von A nach B mit Bus Nummer C zur Sehenswuerdigkeit Z. Selbstsuche und Abenteuer, das liegt hier einfach nicht so in der Luft. China ist ein erstaunlich exakt organisiertes und weit veraesteltes System, das sich taeglich so scheint es mehr und mehr ausweitet. Strassen- und Schienennetz funktionieren einwandfrei, riesige Bahnhoefe werden gebaut, Siedlungen entstehen in Null Komma Nichts, Tausende von Arbeitsplaetzen werden wohl woechentlich geschaffen, jede Stadt zeigt stolz eine grosse Baustelle vor der bisherigen Skyline. Nichts wird dem Zufall ueberlassen. Wachstum, Reichtum, Groesse. In den Loechern des Netzes, dort befindet sich wohl noch das Abenteuer. Tourismusattraktionen wie Nationalparks gehoeren unabtrennbar zu diesem grandiosen System. Unser Tag in Chang Bai Shan (Nationalpark in Provinz Jilin) haette nicht schlechter verlaufen koennen, waehrend jeder einzelne chinesische Besucher ueber das Erlebnis frohlockte. Morgens um sieben Uhr standen wir bei der Kasse bereit, um bald eingelassen zu werden. Bis zur Oeffnungszeit um halb acht hatten sich mehrere hundert Besucher angesammelt, und wir sahen uns von einer lauten Menge mit Megaphonen bestueckter Guides umgeben und befuerchteten eher Anstrengung. Der Eintrittspreis war hoch, und eine Armada von Passagierbussen verhiess uns nicht gerade Abenteuer. 15 Minuten lang fuhren im Minutentakt gefuellte Busse entlang perfekter Hauptstrassen durch einen Birkenwald zu einer Mittlerstation. Von dort konnte man zu Fuss weiter auf einem Holzsteg ins Tal spazieren. Die dichte Beschilderung mit stupiden Warnungen suggerierten einen voellig hilflosen Besucher, der noch nie einen Wald betreten hat. Wir wurden gewarnt: Verirrt euch nicht. Doch – es gab ja nur einen Weg. Am Rande des Weges ueberall Aufpasser und Platzanweiser. Langsam wurden wir unwirsch. Das war zuviel Kontrolle. Und als wir endlich den Anstieg zum Kratersee erreicht hatten, hielt uns ein Mann mit Funkgeraet an. Der Weg sei seit zwei Jahren verschuettet und gefaehrlich. Man muesse ein Ticket kaufen und mit dem Jeep hochfahren. Unnoetig zu erwaehnen, dass der ganze Poebel dort anstand und tatsaechlich zusaetzlich noch ein Ticket kaufte, um in der perfekten Trekkingausruestung hochgefahren zu werden. Wir sahen uns umgeben von Verrueckten. “Kann man nicht zu Fuss hoch?” – “Nein, natuerlich nicht. Ausgeschlossen.” Eine junge sympathische Studentin meinte: “Es ist wirklich extrem teuer, aber es lohnt sich so!” Der kontinuierliche Fluss schwarzer Jeeps, jeder etwa 50 Franken fassend, hoerte nicht auf. Die Strenge, mit der Leute per Megaphon in Reihen eingegliedert wurden, kehrte uns beinahe den Magen um. Wir verliessen das Spielfeld fluchtartig. Der Ausflug in die Natur bot uns den Anblick fremdgesteuerter Massen und ausgestopfter Hirsche. Von oekologischem Park und Natur kann nicht die Rede sein. Das einzige Tier, das dort zu finden ist, ist ein gigantischer Geldesel. Unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen der Forschungsstation Landschaftsoekologie bedauerten im Nachhinein, uns nicht den “geheimen” Weg – durch das Netz – zum Bergsee gezeigt zu haben. Wir atmeten auf, dass sie wenigstens einen eigenen Weg hoch gefunden hatten.
Das Erlebnis machte uns wohl auch ein bisschen zu Systemkritikern. Wir haben oft hitzig untereinander oder mit anderen Leuten ueber dieses neue grossorganisierte, unternehmerische China hinter der langsam abschuessigen molligen Maomaske diskutiert. Wir sind nicht selten hin- und hergerissen zwischen Bewunderung gegenueber dem rasanten Fortschritt und Missfallen gegenueber einer forschen und ruecksichtslosen Vorgehensweise angesichts Aussichten auf Profit. Alles scheint jedoch perfekt geplant zu sein, viel besser als zu Zeiten Maos, obwohl das nie zur Debatte steht. Die heutigen Fünfjahresplaene bescheren keine grossen Hungersnoete mehr (wie nach dem “Grossen Sprung nach vorn”). Sie treiben die Bauern in die Stadt, die Landwirtschaft wird auf staatliche Grossbetriebe verteilt. Maisfelder meilenlang. Monokultur heisst die neue Kultur.
Ich genoss die Aussichten einfach nicht so sehr. Wie gut war es drum im Kleinen, wo die Menschen noch spielen. Um laeppische 2 Yuan, weil es so ein bisschen spannender ist.

June 4, 2010

Darjeeling 09:40 – 09:50

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 11:29 am

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April 11, 2010

Hindustan – Ein Rauschen in der Leitung

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 2:32 pm

So viele Gesichter siehst du, so viele Muender, Augen, Ohren, Frisuren. Da meinst du endlich, “das” Gesicht zu sehen, ein Du. “Wer bist du?”, denkst du, “Wie bist du und warum schaust du gerade so?” Eure feuchten Arme streifen sich beim Voruebergehen, die Blicke senken sich zu Boden. Diese Begegnung wird sich unendlich wiederholen. Ein Gesicht – tausendfach Gesicht. Am Anfang bleibst du haengen, verweilst. Doch irgendwann spuelt es dich einfach weiter. Gesichter sind Sandkoerner. Dieser Sand schleift dich glatt wie eine Muschel, sogar durchsichtig vielleicht. Ja, an manchen Tagen bist du leer wie ein Muschelhaus. Es ist schon fast ein bisschen zum Weinen. Momente ohne Praegung reihen sich zu einer Kette von Minuten, Stunden und Tagen. Warten, bis jemand endlich etwas in die glatte Schale ritzt. Ein kleines Wort, etwas Persoenliches, eine kleine Praegung. Ich denke an das perlmuttenseelen verlassene Haus des Nautilus Pompilius. Bis in die tiefste seiner Schimmerkammern horchte ich und vernahm dabei nur ein dumpfes ewiges Rauschen aus dem Schneckenpalast.
Indien rauscht in meinem Kopf. Wenn ich keine Muschel bin, dann halt ein Radio, auf dem staendig der richtige Sender gesucht wird. Was soll ich hier noch anschauen, wen oder was soll ich hier noch anhoeren. Das Rauschen verstummt vor der hermetisch abgeriegelten Tuer eines Buchladens in Kalkutta. Der Blick streift die Buecherregale, und die rechte Hand zieht hie und da ein Buch heraus, um es sogleich wieder zurueck zu stellen. Da unterbricht mich ploetzlich jemand in dieser schweifenden Taetigkeit. Ein aelterer Mann, beinahe zahnlos und mit dicker Hornbrille, gekleidet in Shalwar und Strickpullunder ist vorsichtig auf mich zugekommen. Er zeigt mit dem Zeigefinger auf das Buch, das ich in der Hand halte. “Dieses Buch kann ich ihnen nur sehr empfehlen. Wunderbar und geistreich geschrieben.” – “Sie kennen den Autor wohl gut?” – “Oh ja, wir waren lange Zeit Nachbarn. 1992 ist er allerdings leider verstorben, doch mit seinem Sohn besteht weiterhin ein nachbarliches Verhaeltnis.” So habe ich den Nachbarn von Satyajit Ray kennengelernt. Seither lese ich Rays Kurzgeschichten, und es scheint mir, das Rauschen ist etwas verklungen.

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Nautilus Pompilius – Gefunden auf North Passage Island, Middle Andaman Islands

March 27, 2010

Sengende Wuensche

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 11:05 am

Als wir in Tirupati ankamen, war es ein Uhr nachts. In der blau getuenchten Bahnhofshalle lagen Menschen kreuz und quer mit ihren Kindern, Buendeln und Decken auf dem Boden. Hunde streunten durch das Menschenlabyrinth, Essensreste und Pfuetzen aufleckend.
Noch konnten wir die Wunderkraft dieses Pilgerortes nicht erahnen. Mit muedem Blick nach langer blauer Zugfahrt nahmen wir die Hoffnungen auf ein Wunder ringsum wahr: Man war gekommen, koerperlich versehrt oder auch gesund, um dem schwarzen Gott Venkateshwara, Vishnus Reinkarnation, auf dem Berg zu huldigen und daraufhin einen Wunsch erfuellt zu bekommen.
Spaet nachts suchten wir nach einer Unterkunft. Alles schlief. Die Luft stand erbarmungslos still. Erste Tropfen ueber den Lippen. Endlich finden wir eine passable Unterkunft. Die Liftfluegel gehen auf, und Ganesha schaut in den Lift. Wir sind tropfnass. An Ganesha vorbei zur letzten Zimmertuer des Ganges. Der Ventilator brummt traege, man atmet, was man kann. Das Fenster laesst sich zunaechst nicht oeffnen. Atmen, atmen.
Nach einer lauen Dusche sinken wir traege aufs Bett. Der naechste Tag bricht an, nahtlos, ohne Uebergang. Die schwarze Hitze wird nun weiss, sengend, verbrennend. Phaeton muss zweifellos hier mit seinem Feuerwagen vorbeigestoben sein auf seiner ersten und letzten Abenteuerfahrt, die ganze Gegenden versengte. In einem Hotelrestaurant brummen die kleinen braunen Ventilatoren. Eine Fliege klebt an meinem kalten beschlagenen Glas. Die sandige Strasse vor der Fensterfront blendet. Die Menschheit da draussen ist bis auf wenige Ausnahmen vollstaendig kahl. Mir ist, als versenge die Hitze hier selbst die Haare. Frauen in Saris sehen ploetzlich etwas unheimlich aus. Kinder wirken ploetzlich wie kleine Greise und Greisinnen mit zu grossen Koepfen.

Tirupati Pilgrims

In Wahrheit ist der Gott der Grund fuer die Kahlheit. Er fordert Pilgerhaar, und das tonnenweise. Gegen Tonnen von Wuenschen. Was davon ist schwerer? Ein Haar oder ein Wunsch?
Fuer einen Wunsch opfert der Hindupilger sein ganzes Haar. Uebrig bleibt nur ein dunkler Streif entlang des Scheitels, der Sonne Brandmal.
Nach dem Fruehstueck wasche ich mir die Haende. Das Wasser ist so kochend heiss, dass ich mir beinahe die Finger versenge. Der schwarze Wassertank auf dem Dach muss kurz vor der Explosion stehen. Wir gehen die Treppen hoch aufs Dach. Da oben flimmert es. In einer Ecke an der Bruestung haeufen sich leere Schnapsflaschen. In der Mitte des Dachs steht ein grosser Holzofen, der stark raucht. Mehrere Maenner, schwarz von der taeglichen Arbeit unter dieser Sonne, feuern diesen mit Kokosnussschalen ein. Dahinter finde ich die Toiletten. Das Wasser in den Kuebeln ist warm. Es ist die Hoelle auf den Daechern, von denen man auf den Tempel hinunter sieht. Hier fanden wir die beste Aussicht.
Wir gehen langsam wieder in die Welt hinunter. Unsere Glieder, unsere Zungen sind lahm. Wir denken so weit, wie unsere Schritte reichen. Die Sonne hat uns. Sie durchleuchtet unsere Gedanken. Die Hitze zeigt uns so wie wir sind. Geschichten und Erinnerungen zerfallen, verlaufen. Es ist zu heiss fuer Geschichten. Die Sonne loescht so einiges aus, fuer eine Weile. Ich spuere Existenz. Selbst fuer die Liebe ist es zu heiss. Die Augen des schwarzen Gottes lasten ueberall auf einem.
Was bleibt einem infolge dessen anderes uebrig, als gleich den Glaeubigen einen Wunsch zu aeussern? “Bring uns fort von hier, grosser Venkateshwara, bring uns auf die fernen, luftig-feuchten Andamanen. Halte das Schiff auf, moege es einen Tag spaeter auf die hohe See auslaufen. Grosser, schwarzer Venkateshwara”, ich riss mir ein Haar aus, “bring uns weg von hier”.
Am Abend schauten wir von der Dachterrasse zum beleuchteten Goetterberg hinueber. Wie viele Menschen wohl an diesem Abend des dunklen Gottes ansichtig wurden? Und wir, die wir uns mit seinem Abbild ueber unserem Bett begnuegten.
Diesen Moment sitze ich in einer luftigen bastenen Huette, aehnlich einer Schmuckschatulle, auf den Andamanen und frage mich, wie schwer Wuensche wiegen. Der Gott sitzt nach wie vor in Tirupati und schweigt hierzu.

Blauer Zug

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 11:04 am

Vier Tage Pondicherry. Nun fahren wir gleich weiter nach Andhra Pradesh. Mit einem Bummlerzug. Um 23 Uhr, heisst es, kommen wir an in Tirupati. David sitzt auf der Bank am Perron. Ich schaue ihn durch die blauen Gitterstaebe an. Auf dem Sims steht der kleine Pappbecher mit dem Chai. Auf dem Sitz gegenueber liegt das Buch Ramayana fuer die Fahrt bereit. Noch ist das Abteil leer, und die Ventilatoren an der Decke stehen still. Man sieht den Sitzen an, dass sich taeglich unzaehlige Menschen hier einrichten. Auf den Sitz Nr. 49 mir schraeg vis-a-vis setzt man sich hundert Mal, oder zweihundert Mal? Es ist das leerste Abteil, das ich je gesehen habe. Noch nie habe ich solche Leere, Stille in Indien erlebt, dass es mir auffiel, dass sie fast “laut” war. Die Stille erzaehlt hier ihre Geschichten. Ich versuche sie mir ganz fest einzupraegen. Wozu, weiss ich nicht. Ich will sie einfach behalten. Ein zweiter Passagier betritt das Abteil. Es ist ein kleiner aelterer Mann im weissen Hemd. Kurz darauf folgt seine Frau im orangen Sari. Die Nr. 49 natuerlich immer noch leer. Drei Flecken hats dort auf dem Sitz. Der dunkelblaue Plastikbezug ist stark abgeschossen. Ein Passagier, ein Kind, hat daran immer weiter rumgekratzt – ganz beilaeufig, in Gedanken versunken, waehrend der Fahrt. Eine grosse wuchtige Frau gesellt sich zur kleinen Gruppe. Die offene Seite des Saris laesst zwei grosse regelmaessige Bauchwuelste sehen. Einige Minuten spaeter hat sie die Arme wie zwei Riesenschlangen um den Kopf geschlungen und schlaeft, den schweren Kopf auf die kleine Reisetasche gebettet. Nordindische Touristen mit Rollkoffern gehen ernsthaft am Fenster vorueber. Die Maenner sind glattrasiert und tragen gefaerbtes Haar. David hat an uebersehbarer Stelle einen blauen Schalter auf blauer Wand gekippt. Die Ventis laufen. Maenner starren ins Abteil. Nieamand spricht. David erhaelt einen Anruf. Es ist Kumar, unser Nachbar von der Breitenrainstrasse. Alle Typen schauen gebannt beim Telefonieren zu. Kumars Mutter lebt in Pondi. Wir hatten eine falsche Nummer gehabt und konnten sie deshalb nicht besuchen. Als Kumar anrief, um die richtige mitzuteilen, war es also leider zu spaet.
Eine schwangere Frau, ganz in Hellrosa sitzt auf Nr.49, neben ihr ein kleines Maedchen. Ein Mann wankt muehselig an meinem Fenster vorbei und laesst sich auf eine Bank fallen. Er ist nicht alt, doch seine Beine sind alt. Sie scheinen nur noch mit aeusserster Anstrengung den oberen Koerper tragen zu koennen. Zittrig streben sie auseinander, als waeren sie aus altem Holz. Die Fusssohlen eines Elefanten: Endlos gelaufen.
Das Abteil fuellt sich bis auf den letzten Sitz und die Gepaeckablage.
Waehrend der Fahrt teile ich einmal den Sitz mit einem Maedchen.
Auf Nr. 49 wechselten in den ersten Stunden die Fahrgaeste fuenf Mal, dann hoerte ich auf zu zaehlen. Tirupati erreichten wir weit nach Mitternacht.

Smalltalk im Paradies

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 11:03 am

Wir fuhren nach Kodaikanal. Es war eine Busfahrt wie manche. Der touristische Bergort zeigte sich zunaechst von seiner anstrengenden Seite. Wie immer, wenn man muede und krank ist. Wir fuhren aus der Stadt hinaus auf eine Farm. Eine Aussteigerfarm, die Karunafarm.

Karuna Farm, Kodaikanal

Ein paar Tage aussteigen: aus der Stadt in die Natur, aus dem Laerm in die Stille, aus der Reise mit all den Besichtigungen in eine scheinbare Sesshaftigkeit mit einem stagnierenden Bild. Das Bild: Eine kleine Huette auf einem Huegel und eine Aussicht auf einen dicht bewachsenen Hang, der sich gegen die heissen Ebenen Tamil Nadus hinunterzieht. Hibiskusblueten, Kaffeestraeucher, Zitronen. Wir sitzen vor dem Huettchen, spielen Schach. Zu reden gibt es wenig. Es ist alles so klar. Keine Langweile, kein Sehnen. Abundzu kochen wir Zuckerbananen. Lesen am schattigen Bach. Auf die Ebenen hinunterschauen von einem grossen Felsen aus.
Es gibt verschiedene Leute auf der Farm. Alle in ihren verstreuten Huettchen. Abends trifft man sich, man isst, redet.
Nevil gehoert die Farm, er leitet sie als Besucherort. Einen Tag nach unserer Ankunft wandert er im weissen Lunghi und mit Wanderstab den Huegel hoch, richtung Bushaltestelle im nächsten kleinen Weiler. Er faehrt zur Kumbh Mela in Nordindien.
Die Farm ist nun seinen nepalesischen Gehilfen ueberlassen. Manchmal ruft er sie abends an.
Eine richtige Gemeinschaft trifft man auf der Farm allerdings nicht an. Zwar verleben manche Leute tatsaechlich eine laengere Zeit hier, doch die meisten reisen bald weiter. Ein englisches Paar hingegen lebt mehrere Monate im Jahr dort und ist dabei, ein sehr schoenes Yogahaus aus Lehm, Kokosfaser und Ziegeln zu bauen. Ich haette gerne mitgeholfen die paar Tage. Die Idee gefiel mir und v.a. die Umsetzung. In der Woche war ich aber zu krank und war mit der taeglichen Huegelwanderung am Hang bereits genug beschaeftigt.
Die Farm zieht ganz verschiedene Leute an. Im Kern ist die temporaere Zweckgemeinschaft stark links alternativ. In diesem Kern der Karunafarm sah ich vor allem die Vision des wahren, richtigen Lebens. Das Sharing dieser Vision basiert auf einer Art Rhythmus. Das heisst, wenn man mit diesem mitgeht, gehoert man zur Community.
Eines Abends sassen wir vor dem Haeuschen, das ein nordindisches Paerchen bewohnte. Der Mond stand senkrecht ueber uns und dem Lagerfeuer, wo wir eben gemuetlich Kartoffeln und Bananen mit Schokolade gebraten hatten. Jetzt ist es ein Moment lang still im Kreis der Unbekannten. Smalltalk plaetschert: “Indian food is so unhealthy”, “oh that poppy is sooooo cute”, “how long does it take to get to the bus stand on foot?”, “oh you know, i hate shopping, but i have to, because these chips are so fucking tasty …”, “oh fuck, these bananas were sooooo good” – “oh yeah man, they were really fucking good”. Im Hintergrund laeuft Thievery Cooporation. Cool sound. Auf einem iPhone wird nun andere Musik abgespielt, HipHop bis zu Sentimental. Ein blondes Maedchen, das sich tagsueber eher still zeigte, sitzt mit langem aufgeloesten Haar im Schneidersitz und beginnt zur Hintergrundmusik zu erzaehlen: “I ran away from home, when I was six”, sagt sie und laechelt traurig. “And also now, I don’t really know, if I will be able to go back home to South Africa. It is still a nazi system there.” Ihr Nachbar nickt langsam und sagt: “How is it in South Africa? You still feel the remainings of the former Apartheid system?”-”Oh, yeeeeah, definitely. It is so …”. Am Ende wird er ihr sagen, dass er noch nie in Afrika war, aber als erstes nach Rwanda reisen moechte. Die Musik hat laengst schon eine Wende genommen: Einer klimpert auf einer verstimmten Gitarre Bob Marley und einige singen dazu.
“Money makes mankind evil.”- “The problems are not about things. Money cannot be evil, it is the people.” Ein Joint macht die Runde. Jemand beginnt auf etwas zu trommeln, jemand spielt Mundharmonika, die Suedafrikanerin stimmt mit geschlossenen Augen einen heulenden irgendwie altgaelischen Gesang an (aehnlich wie die Saengerin von den Cranberries).
Der Typ mit der Gitarre fragt David: “How long have you guys been here?” – “Oh, quite a time, but not too long. One week. After tomorrow we are going to leave”. – “Quite a time, huh? You call that quite a time – one week,” meint er, weil er selber hier Monate verbringt.
Als waere uns das Paradies verwehrt? Dabei sind wir doch hier, jetzt gerade. Wenn auch nur eine Woche. Doch was ist Zeit? Das ist ja das Schoene. “Unsere” Zeit ist nicht einfach objektiv, sie steckt irgendwo tief in uns drin. Sie misst in gefuehlten Kilometern, durstigen Schritten auf Staubstrassen, durchfeierten Naechten, Runden in einem verirrten oder gluecklichen Slalom durch den Wald.
Irgendwo sitzt in uns der gute Meister Hora aus Michael Endes Erzaehlung “Momo”. Es gibt eine Zeit, und die gehoert uns.
Wir sitzen also im Paradies und haben sogar gerade Zeit.
Was fuehrt man fuer Gespraeche im Paradies? Redet man ueberhaupt? Fuehrt man tiefsinnige Gespraeche? Und wenn, ueber was?
In diesem Kreis spricht man ueber den negativen Kapitalismus, Apartheit, Rwanda, die eigene Orientierungslosigkeit, Sinnsuche. Die Blonde ruelpst lange und laut. Die kleine Feine ist bereit an diesem Abend ihr Innerstes nach aussen zu stuelpen.
David und ich schauen uns hie und da an. Wir moegen irgendwie nicht so richtig. Zu reden gibt es nichts. Zu schoen hier. Wir verabschieden uns nach einer Weile, verlieren ein paar Worte ueber das gemuetliche Essen zuvor und gehen zurueck. Das Paradies ist wortlos. Langweilig, vielleicht. Darum wahrscheinlich spricht man, wenn, dann ueber die Hoelle.

March 4, 2010

Von Stalins Reinkarnation, Heiligen, Halbgoettern und Honda Heroes

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 5:29 am

Goetter, Heilige und Helden – kein Tag in Indien vergeht, ohne dass man ihnen begegnet.
Die grossen Tempelanlagen beherbergen einen ziemlich grossen Pantheon. Von Shiva ueber Vishnu und Ganesha bis zu Meenakshi, der fischaeugigen Goettin mit drei Bruesten, – man findet hier alles. Hier segnet nicht der Priester sondern der Tempelelefant, mit seinem Ruessel gibt letzterer seinen Segen gegen eine Silbermuenze. Aus dunklen Nischen schauen uns schwarze von Butter glaenzende Goetzen entgegen. Die Glaeubigen streichen sie mit Butter ein oder entzuenden an ihnen Ghee (butteraehnliche Fluessigkeit). An den manchmal unfoermigen Goetztenleibern kleben bunte duftende Blumen – Jasmin und Ringelblume. So laechelt uns manchmal ein vergnuegter schlanker Shiva im Halblotussitz aus seiner Hoehle zu und manchmal ballt sich uns eine konturlose staemmige Masse aus dem oeligen Dunkel entgegen. Die Luft ist feucht, wenn sich viele Menschen im Tempel bewegen. Die Masse bewegt sich konvulsiv auf das immer enger werdende zentrale Heiligtum zu. Das Gemurmel, die gesungene Formel wird eingehender. Soviele Menschen, dass es unmoeglich ist wieder umzukehren. Langsam immer einen Schritt naeher zur kleinen Oeffnung, zum Shiva Lingam, einem schwarzen phallusartigen Sockel, mit Blumen behaengt, Shivas potentativer Repraesentant. In meinem Bauch zieht es sich zusammen. Es ist feucht und eng. Schweiss tritt aus allen Poren. Ein bisschen Luft … Wir sind aus der Schlange herausgetreten. Ein Seiteneingang auf der Hoehe des Heiligtums erlaubte uns “von aussen” nochmals einen Blick ins Heiligtum zu werfen. Ich kann es noch nicht so richtig, Teil der Menge, der Masse sein. Ich wuenschte mir hier manchmal herausgehoben zu werden. Wie frueher waehrend der Chilbi oder der Fasnacht, als mein Vater mich aus der Menge zog und auf seine Schultern setzte.
Von den Goettern nun zu den Heiligen: Der Unterschied ist mir nicht immer so klar, zumal Goetter genauso in Bild und Figur Verehrung finden wie die Abbildungen der sogenannten Sri Aurobindos, Ammas und Mothers. Amma bewirtschaftet mit ihren taeglichen Umarmungen weltweit und lokal ein ganzes Ashram in der Naehe von Alappuzha. Dort sind wir mit dem Boot vorbeigefahren. Unter Ashram hatte ich mir eine abgelegene Herberge, etwas Klosteraehnliches, vorgestellt. Der riesige rosa Hotelbunker wirkt dank multiplikativer Zellenstruktur leicht berechnend. Amma war damals gerade auf Dienstreise (hier das wunderbare russische Wort komandirovka). Trotzdem standen viele Schwerbepackte Rucksacktouristen am Quai, kommend oder gehend. Mit oder ohne inniger Umarmung der ewig muetterlich Laechelnden.
Jenseits des Mamikomplexes steht die Manifestation einer starken Vaterfigur. Dieser Vater strahlt von jeder Hauswand in jeder Stadt, in jedem Dorf. Er umarmt die Kinder, lacht beherzt, laeuft im schneeweissen Hemd und Lunghi auf den Betrachter zu, umgeben von einer regenbogenfarbenen Aura. Es gibt Leute, die habens. Und er habe sogar den richtigen Namen, so meinen manche. Vaeterchen Stalin, bekannt als M.K. Stalin Deputy Chief Minister von Tamil Nadu, Angehoeriger der staerksten Partei DMK (Dravida Munnetra Kazhagam – Dravidian Progress Federation). Nomen sei Omen. Oder man geht von Wiedergeburt aus: Josef Stalin erfuhr 1953 in Tamil Nadu folglich seine Reinkarnation. Merwuerdigerweise geschah dies am 1. Maerz, also vier Tage vor seinem Todestag. Wie dem auch sei: Heute, 2. Maerz, war jedenfalls in allen Zeitungen von den Geburtstagsfeierlichkeiten des beliebten M.K.S. zu lesen. Offensichtlich waltete er auch an seinem Geburtstag seines Amtes: In den Zeitungen sieht man Photos vom Besuch einer Schule. Ich verstehe tamilische Politik nicht, doch es scheint mir, dass bis auf Schnauz und Vaterkult keine weiteren Parallelen zu seinem frueheren alter Ego bestehen. Reinkarnation auf hoehere Stufe? Ach was, eine Muecke. Stalin ist bloss eine Muecke, eine von mir.
Hinter einer Vaterfigur steht nicht selten eine weitere, in M.K.s Fall ein wohl autoritaerer Politikervater. Und so reihen sich neben den Matrjoschkas die nicht minder reproduktiven Papjoschkas oder Paterjoschkas.
Neben den PolitikerInnenikonen existiert ein Priesterstand. Sie erteilen unter anderem den sterblichen Helden den Schutzsegen, bevor diese in die Strassenschlacht ziehen. Der heutige Held heisst nicht mehr Rama, sondern Honda Hero. Schnell, flink und mit einer goldenen Hupe bestueckt, teilt die Honda taeglich das Stadtgewuehl. Nicht genug, dass vor den ersten Spritzfahrten eine Pruefung abgelegt werden muss, die Maschine muss vor allem auch einen Schutzsegen empfangen.
So liess ein Mann im Bergort Munnar (Staat Kerala) seine Honda segnen. Ein Priester brachte ein Feuer und wandelte einige Male um das Motorrad. Mit hellem Sandelholz und rotem Puder versah er die mechanischen Chakren der Maschine mit Punkten. Der Eigentuemer sass danach flankiert von einem Freund, der die Haende zum Gebet faltete, auf sein Motorrad und erholb den Blick zum Elefantengott Ganesha im Dachfirst des Tempels. Der Priester versah das Motorrad mit einem Blumenkranz und legte unter jedes Rad eine gruene Limone. Nun bat er den Eigentuemer Gas zu geben und ueber die Limonen zu fahren. Der Motor brauste auf, die Limonen spritzten. Und dann fuhr er von dannen, der frisch gebackene Honda Hero.

March 3, 2010

What you want?

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 8:48 pm

In Indien wird man viel gefragt. Der suedindische Fragenkatalog ist leider furchtbar monoton und toleriert keinerlei Abweichungen. Ich kann nicht mehr sagen, wie vielen Schulklassen ich geduldig meinen Namen klar und deutlich genannt und brav meine Nationalitaet preisgegeben habe, bis ich mir schon bloed vorkam. Taeglich diese Fragen an Indienreisende. Auch von Erwachsenen: komischerweise dann ganz sachlich kurz und knapp: “Your name? Country?” und dann kehren sie sich um und gehen. Als ob sie Statistik fuehren wuerden, sagt David. Da gibt es nicht mehr zu verstehen und selber fuehlt man sich auch nicht besser verstanden. Das sind die fluechtigen Beruehrungspunkte in Tempelstaetten, Museen und Parks. Ich frage mich, ob wir vielleicht sowas wie eine Freizeitattraktion sind. Den ganz Kleinen wird schon gesagt, “komm geh hin und sag Hi, what is your name. Geh schon, los, los.” Und die kleinen schuechternen Toddler wackeln mit Windelbeinchen auf die gutmuetigen laechelnden Clowns zu, strecken ihr mit Reifen geschmuecktes Aermchen aus, reichen uns das weiche Haendchen zur Frage … What you want? Zweifelsohne eine der letzteren Fragen, die man in Indien zu hoeren bekommt in der Reihe: What’s your (good) name? Coming which country? Die Frage, danach, was man will, bewegt sich meistens auch in einer gewissen Skala oder einer Ansammlung von (wahren/falschen) Alternativen. In dem Teeplantagenstaedtchen Kumily fragten wir nach moeglichen Touren durch den Nationalpark. Die Dame im Office klappte daraufhin einen Prospekt auf, tippte mit dem Kugelschreiber kurz auf die Bilder und sagte: “This, this and this we have, this one not. What you want?” Eine Glacekarte. Man kann sich nicht ganz zwischen Erdbeer und Vanille entscheiden. Vielleicht kann man etwas kombinieren? “No, no. Fix price.” Grenzen von Kommunikations- und Kombinationsmoeglichkeiten – das wird zur spielerischen Herausforderung. Ein vergnuegter aelterer Wirt fragt uns in einem der typischen “100% Pure Veg-Restaurants”: “Coppee (Coffee), Milktea, Tea?” Wir entscheiden uns unisono fuer “Milktea” und bestaetigen nickend. Er guckt etwas lustig, wackelt mit dem Kopf und verschwindet in der Kueche. Nach fuenf Minuten bekommen wir eine heisse Tasse Milch. Daraufhin schaut uns der Mann ganz pruefend an, im Sinne von “Was sagen sie jetzt?” Nach einem sehr langen heissen Tag mit Wandern, Tempeln anschauen und Busfahren, war ich derart muede, dass ich von zuerst kicherte und dann laut lachte und ich mich kaum beruhigen konnte. Der Mann fing auch zahnlos an zu lachen, wackelte mit dem Kopf und schlurfte gemuetlich zurueck in die Kueche. Die Milch schmeckte sehr gut.
Die Frage “What you want” ist der Ausgangspunkt fuer ein Geschaeft.
Ich moechte eine Limca, eine suesse Limonade in der Flasche, ein Masala Dosa, einen Lime Juice, einen Sappotha Shake, einen neuen Shalwar Kameez, ein Zimmer unter 500 Rupees, ein Reliance USB Modem, zu dem oder jenem Tempel fahren, mich waegen im Restaurant, Yoga machen, einen Liter Wasser, in die Natur raus, meditieren, Martini Dry, auf die naechstbeste Toilette, das Ramayana lesen, einen Zug nach irgendwo.
Hinter der merkantilen Frage laechelt es mir hie und da ganz unverbluemt entegegen “Was willst du hier eigentlich?” Jeden Tag ein vielbevoelkerter Film, quasi ab Breitband. Er spult sich vor meinem Auge ab und ich soll da irgendwo drin mitspielen. Staubiger Landschaftsfilm in toenernen Farben im Busfenster, hingegen farbenstarke Momentaufnahmen mit Tiefe auf Stadtspaziergaengen ohne Ziel. Fokus auf die Hand der Frau, die den Jasmin zu langen Haarschlangen bindet, auf den braunen faltigen Ruecken einer pilgernden Greisin, auf das heilige Tempelinnere, den Shiva Lingam, auf das dritte rote Auge auf der Stirn oberhalb eines eindringlichen Blicks. Blick auf Oberflaechen: Wandstrukturen, Saris aus Seide und Baumwolle, goldene Borduren, meterlange schwarze Zoepfe, rissige Fuesse, weisse Kraegen, pinkfarbene Busse, ein grosses mit Gold verhaengtes Schmuckgeschaeft. Wir wollen den Fuss reinsetzten. Wo sind wir da drin? Mitten drin in der pilgernden Menge, unversehens mit einem Buttertoepfchen in der Hand, das mit der heiligen Flamme vor dem Elephantengott Ganesha angezuendet und als Gabe dargebracht wird. What you want? Was suchst du hier? Ich suche keine Erleuchtung, keine Weisheit, keine Verbesserung, nein – nichts dergleichen. Wir gehen hier nur einmal hindurch und gruessen dabei vielleicht auch den Goetzen. Wir sind drin und doch draussen. Es gibt wohl kein zweites Mal hier, nicht fuer uns. Gewisse Wege geht man einfach nur einmal. Ein bisschen reisen wir unseren Vorstellungen hinterher, dann kommen wir an, verweilen, leben den wahren Moment das einzige Koernchen, das wir als heilig schaetzen koennen, und reisen weiter. Eine Masche ist somit gestrickt, und es folgt die naechste. Wir stehen vor der dichten beinahe dampfenden Menge, vor unerstickbarem Strassenlaerm… What you want? Wir wollen hindurch. Wir wollen das unsichtbar gestrickte Kleid. Wir wollen sowas wie im Maerchen: des Koenigs unsichtbare Kleider.

February 19, 2010

Train Kochi-Kollam on Platform 4 (maybe)

Filed under: Kochi - Irkutsk 2010 — sarah @ 6:18 pm

Wir standen frueh auf, um den Zug von Ernakulam nach Kollam zu erwischen. Zuerst assen wir etwas, dann gingen wir zur Faehreanlegestelle, um nach Ernakulam ueberzusetzen, nahmen von der Anlegestelle aus eine Rickshaw zum Bahnhof. Der Zug fuhr unseres Wissens um 10.10. In Wirklichkeit fuhr er um punkt 10 Uhr. Unser desorientierter Lauf auf der Ueberfuehrung, die Anzeigetafel funktionierte nicht, wurde von kurzen Infogespraechen unterbrochen: “Excuse me Sir, do you know from which platform the train to Kollam leaves?” – “Where to?” – “Kollam”. – “?” – “Aehm, Qollaam? No? You don’t know? Kollaem? Ah wait: Gollam… Gollmmm …” — “Ah! Qollmmm! Yes, track four.” – “Thank you very much.” Mit track four war leider nichts, doch wenigstens wussten wir jetzt genau, wie man die Ortschaften auszusprechen hat. Wir verbrachten einige Stunden lesend, essend und beobachtend am Bahnhof. Da wir nicht reserviert hatten, stiegen wir in den Wagen, der fuer alle diejenigen ist, die eben nicht reserviert haben. Das sei gewoehnlicherweise nur ein Wagen in der ganzen Wagonreihe. Natuerlich war der Wagen zum Bersten voll, und zunaechst standen wir im Gang. Da die Tueren stets offen sind, kann man sich da aber gemuetlich hinsetzen, wenn man sich gut festhaelt. Die Zugfahrt dauerte gut drei Stunden. Wir fuhren an Reisfeldern vorbei, Einfamilienhaeuschen in den Palmenwaeldern. Nach drei Stunden waren wir nach dem langen Stehen und vielen Schauen etwas ausgelaugt. In Kollam assen wir am Bahnhof ein Masala Dosa und tranken Tee.

Kollam

Kollam ist eine kleine Stadt voller Geschaefte. Ich weiss nicht, wie ich Kollam beschreiben koennte: Es wimmelt so sehr von Werbung und Plakaten, blassblauen Shivas und zwinkernden Lakhsmis, dass ich die Stadt, die Haeuser fast nicht sehe. Da sind wuchernde Staende, aus denen Bananen quellen. Dort ein Kardamombuero, dort ein Reisbuero, dort ein Plastikeimergeschaeft. Mit den Bueros meine ich eigentlich einfach Haendler. Das Reizvolle an ihnen finde ich den Touch von Kanzlei oder Kontorei. Ein Mann sitzt hinter einem schweren hoelzernen Pult. Vor ihm eine kleine Kupferwage mit Gewichten. Auf dem Tisch sind Reissorten oder eben verschiedene Mahlgrade Kardamom ausgelegt. Mit meist einer schweren Hornbrille auf der Nase beraet der Haendler fachmaennisch seine Kunden. Dieses Freiluftbuero, wo der Ventilator Kardamom in die Luft wirbelt, besticht mich mit seiner sanfen Buerokratie. Ueberall liegen die schweren braunen Registraturbaende, sei es fuer Reislieferungen, Kaffeetransfer, Touristen. Die indischen Archive muessen riesig und unterirdisch angelegt sein. Kollam: schlafende Rickshawfahrer, ein Liebespaerchen heimlich auf dem Ruecksitz eines weissen Mahindra Ambassador unschuldig am Turteln, alte Maenner mit 60kg Reissaecken auf dem Fahrrad, ueberall Ladenbesitzer, die vor ihrem Laden mit Enkelkind auf dem Arm im weissen Lunghi auf und ab gehen.
In Kollam selbst blieben wir nicht, sondern es verschlug uns auf eine Insel. Eigentlich keine Insel, doch irgendwie schien diese Landzunge aeusserst inselhaft. In einem etwas abgetakelten Ferienressort stiegen wir fuer zwei Naechte ab. Die Farbe blaetterte etwas, und das pastellfarbene Jesusrelief auf dem Bootshaus hatte bestimmt schon leuchtendere Zeiten gesehen. Doch gerade vielleicht deswegen, wegen des abgetakelten Kitsches, wie der riesigen fast nicht zumutbaren nackten Nymphe am “Inselkap”, war das alles reizvoll. Zwei Jungs, kaum aelter als 20, schmissen den Laden ganz selbstverstaendlich. Der Aeltere war stets am Kochen, der Juengere besorgte den Rest. Zwei sehr aufgeweckte Menschen, die es sichtlich genossen in ihrem kleinen Imperium. In diesem Auslauefer der Backwaters sind sehr viele kleine Fischerboote unterwegs. Abends werden Netze ausgeworfen und im Dunkeln dann wieder herausgezogen. An einem Morgen fuhren wir mit einem solchen schmalen Boot, nicht breiter als ein Baum, rueber nach Kollam.
Einen Tag verbrachten wir damit, einfach durch die angrenzenden Ortschaften rund um Kollam zu spazieren und ein bisschen weiteren Alltag einzufangen. Losverkaeufer, Laeden, Mann mit Leiter, Motorraeder, ein roter Sari, ein gelber Sari, ein hupender Bus, tausend hupende Busse. Ein Bus namens Vishnu, ein Bus namens Goods Carrier, ein Bus namens Good Sheperd. Es geht gegen Mittag zu. Es ist feucht – aber schattig wenigstens – unter diesen vielen Palmen. Ein Feld mit ein paar Kuehen und den weissen Fischreihern, von denen man oft einen neben einer Kuh sieht. Es scheint, als ob er die Kuh den ganzen Tag begleite. Tueppig, wir gehen sehr langsam. Irgendwo steigen wir in eine Rickshaw, um fast alles wieder zurueckzufahren ins Zentrum. Kollam. Kein Wind, tueppig und stickig. Im Indian Coffee House wird mir ab den flimmernden Schatten der Ventilatoren an den Waenden ganz schwindlig. Die tuerkis Oelfarbe an den Waenden beisst sich ploetzlich mit den knallroten Plastikstuehlen. Trinken. Raus. Bald ist es bessser. An der Faehranlegestelle stinkt es, wenn keinw Luft geht. Alle Frauen zuecken ihr Taschentuch – und ich auch. So ein Tuch ist ganz praktisch manchmal. So schoen die Backwaters sind, an manchen Orten drueckt ein dumpfes Grauen aus dem trueben Wasser empor.

Kollam - Alappuzha Ferry

Am naechsten Tag dafuer, heiter und unbewoelkt, atmet es sich wieder freier. Am Vormittag stiegen wir in die Faehre nach Alappuzha. Beinahe acht Stunden verbrachten wir auf den Backwaters mit zwei kuerzeren Pausen, wo wir sozusagen an einer Schiffsraststaette, einem kleinen Holzhuettchen Rast machten. Dor gab es dann hurry hurry ein Thali auf dem Palmblatt. Gegen Ende streckte sich die Fahrt ein bisschen. Als das gruene Schild Allapuzha 6km verhiess, ahnten wir nicht, dass das 3 vor der 6 weggekratzt war. Eine Stunde lang staunten wir, wie lange 6km auf einer Faehre dauern koennen, bis wir den Verdacht schoepften, dass die Angabe wohl hinfaellig sei. Auf einer unserer Fotos entdeckte ich den Abdruck der 3 und die 36km leuchteten ein.

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