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	<title>Sämtliche Texte eines irdischen Alltags</title>
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		<title>Chinesische Sommerfrischler</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jul 2010 10:35:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit zwei Tagen sind wir erstmals in sechs Wochen so richtig auf dem Land. Sechs Wochen lang reisten wir meist durch grosse unbekannte chinesische Staedte. China, der Name ruft in meinem Bildergedaechtnis zwar stets dasselbe alte Bild hervor: Ein gruener Park mit roten Pagodengebaeuden und weissgeschminkte Menschen mit langen Aermeln. Es ist das Chinabild, das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit zwei Tagen sind wir erstmals in sechs Wochen so richtig auf dem Land. Sechs Wochen lang reisten wir meist durch grosse unbekannte chinesische Staedte. China, der Name ruft in meinem Bildergedaechtnis zwar stets dasselbe alte Bild hervor: Ein gruener Park mit roten Pagodengebaeuden und weissgeschminkte Menschen mit langen Aermeln. Es ist das Chinabild, das ich von irgendwelchen Tapetenmustern kenne. Wahrscheinlich Schloss Versailles, der chinesische Salon. In Wirklichkeit haben wir sehr viele moderne Grossstaedte gesehen. Spiegelnde Hochhaeuser, breite Strassen und endlose Shoppingmalls. Das Land widerfuhr uns nur waehrend Ueberlandfahrten im Bus und Zug. Auf diesen Fahrten sah man vor allem Maisfelder von Grossbetrieben. Der Mais hoert nirgends auf. Es handelt sich dabei um Tierfuttermais. Im Restaurant ist ein Teller Maissalad sogar relativ teuer. Nun sind wir endlich einmal hinter diese Maisfelder gefahren. Mit einem kleinen Bus sind wir von der naechstgroesseren Stadt Mingshui in das kleine Dorf Zhujiayu gefahren, das am Fusse eines felsigen Huegels liegt. Hier hoert die Strasse auf. Der bukolische Ort ist umgeben von einer neugebauten Ringmauer nach mittelalterlichem Stil. Als Besucher bezahlt man einen Eintritt von etwa 2 Franken. Dieses Dorf duerfte bis in die 70er oder vielleicht etwas spaeter ganz gewoehnlich in Stand gewesen sein. Mittlerweile ist ein Grossteil der Haeuser eingestuerzt oder unbewohnt. Viele Haeuser sind aus Lehm, manche auch gemauert. Das Dorf war einst vor Jahrhunderten ein Staedtchen waehrend der Ming und Qing Dynastie. Es wohnen wenige und vor allem aeltere Leute hier im Ort. Rund um die Haeusersiedlungen liegen noch einige Terrassenfelder am Hang, doch hier gibt es keine Landwirtschaft im groesseren Umfang. Die in den 40er Jahren erbaute Schule wird als Museum benutzt, wo ein paar Alltagsgegenstaende ausgestellt werden. Die Schule besteht aus mehreren Gebaueden mit dazwischenliegenden Innenhoefen. In der Naehe steht eine grosse Wand mit dem langsam abgewaschenen Portraet Maos, wovon die polierten Knoepfe seiner blauen Joppe am besten noch zu sehen sind. Ein so halbzerfallenes Doerfchen verstroemt natuerlich ganz besonders romantischen Charakter. Tatsaechlich ist dieser Ort tagsueber ein sehr beliebtes Reiseziel fuer die chinesische Mittelklasse, die mit Privatauto herfahren koennen. Die aelteren Frauen bringen am Vormittag allmaehlich ihre Eier, Omelettes, Getraenke und Souvenirs in Position und warten auf Besucher. Die wenigen Restaurants, die es gibt, sind am Abend voellig leer. Als wir ankamen verspiesen wir ganz einsam einen Teller Pfefferminze im Bierteig und Omelettes sowie Tomatensuppe. Heute Mittag hingegen war der Hof unserer Herberge voller Leute und es wurde alles moegliche aufgetragen. Der Tisch der Gaeste sah nach dem Essen aus wie nach einem mittelalterlichen Gelage im reichen Ueberfluss. Dunkle Limousinen rauschen hier auch an und schicke Damen und Herren kommen hier auch auf Wochenend- oder Ferienvisite. Ferien auf dem Lande. Das sei heutzutage gerade sehr angesagt bei denen, die sich etwas mehr leisten koennen, meinte ein chinesischer Geschaeftsmann kuerzlich zu uns. Die Leute hier im Ort freuts jedenfalls, denn das bedeutet ihre Lebensgrundlage. Die Haehne werden, bis zum Tag, an dem sie bestellt, gewogen und geschlachtet werden, in leider sehr engen Kaefigen gemaestet. Alles wird bereitgemacht fuer die Touristen auf dem Lande. Der Hahn wird frisch geschlachtet, und der Gast darf in die Kueche und Zutaten auswaehlen. Tagsueber laeuft man zur neuerbauten Betonpagoda. Dort oben erwartet einen unter spiritueller Musik eine Art moderner Tempel, der von einem aelteren Herrn und einem juengeren in traditionellem Kostuem bedient wird. Man bezahlt 2 Yuan, um auf die Pagoda zu steigen, die Aussicht zu sehen und die Taogoetter aus zu buntem Porzellan anzuschauen. Gegen 100 Yuan (ca. 18CHF) kann man an einem taoistischen Ritual teilnehmen. Ein junges Paerchen liess sich dazu hinreissen mehrmals den Stoessel gegen eine grosse Glocke zu schlagen, waehrend der Mann im Kostuem dazu etwas sehr laut rezitierte. Der junge Mann rieb danach eifrig an den Henkeln einer Kupferpfanne, damit ein Geraeusch entstand, Raeucherstaebchen wurden angezuendet und das junge Paerchen wirkte in ihrer Taetigkeit irgendwie sehr zeremonielos und ungeschickt. In pastellfarbenen Coddle-T-Shirts (Nachahmung von Lacoste) und Louis-Vuitton-Verschnitten wirken sie fast unecht in der Landschaft, oder wirkt die Landschaft unecht? Das Dorfleben und alte Traditionen sind wieder In. Halb vergessen wirkt dieser Ort und halb im Aufbruch zu einem populaeren Naherholungsgebiet.</p>
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		<title>Ueber Chinas Schachbrett</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jul 2010 10:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Wo lai Zhungguo wanr. Ich komme nach China reisen. Oder: Ich komme nach China spielen. Ob man den Spielstein von Feld zu Feld schiebt oder ob man fremde Laender besucht &#8211; in China benutzt man ein und dasselbe Verb fuer diese Taetigkeiten – &#8220;wan&#8221;. Dabei sind Chinesen nicht wirklich die grossen Welteroberer und leidenschaftlichen Reisenden. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wo lai Zhungguo wanr. Ich komme nach China reisen. Oder: Ich komme nach China spielen. Ob man den Spielstein von Feld zu Feld schiebt oder ob man fremde Laender besucht &#8211; in China benutzt man ein und dasselbe Verb fuer diese Taetigkeiten – &#8220;wan&#8221;. Dabei sind Chinesen nicht wirklich die grossen Welteroberer und leidenschaftlichen Reisenden. Dafür sind sie absolut spielsuechtig. An jeder Ecke wird gespielt und gepokert. Und das von morgens frueh bis spaet in die Nacht. Eines meiner Lieblingsszenarios zeigt zwei Maenner in beigen Bundfaltenhosen und weissen ausgetragenen Unterhemden (was hier alle Maenner ueber 45 tragen) beim Schach mit Zigarrettenkippen im Mundwinkel und einem alten fetten Mops im Schoss.<br />
David scheint gerade zum Spielen nach China gekommen zu sein. Ueberall lauert er den alten Maennern beim Xiang qi (Chinaschach) auf und wird auch nicht selten aufgefordert mitzuspielen. Schweigsam werden eine Weile lang die Positionen ausgefochten, bis sich eine grosse Traube Maenner ums Brett ansammelt und die Kommentare und Ratschlaege immer lauter werden. Bei hitzigen Spielen ist das Brett voller Zeigefinger. Die handballengrossen Steine knallen aufeinander, wenn eine Farbe der anderen unterliegt. Die Spiele enden immer lachend, mit vielen Lachfaeltchen, viel und schnellem Wortfluss und vielen &#8220;Tinbudong, Tinbudong, Tinbudong&#8221; (Tinbudong: Ich verstehe nicht.) Irgendwann streifen wir dann weiter dem schmalen linearen Gaesschen entlang, durch den Hutong, die chinesische Altstadt. Streng ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen bilden diese Staedte einen groesseren Plan eines Schachbrettes. Auf dem Pekinger Bazaar haben wir eine Schatulle mit Xiang qi Steinen und Spielfeld gefunden und reisen seither mit Xiang qi durchs Land. Dieses kleine Zaubermittel verkuerzt die langen Reisezeiten und ueberbrueckt alle Tinbudongs. Beim Spielen ist Sprache gar nicht so noetig. Wir stossen hier auf sehr viel Offenheit gegenueber uns Reisenden. Das hat uns sehr erstaunt, da wir oftmals das Gegenteil gehoert oder vermutet hatten.<br />
Englisch sprechen sehr, sehr wenige Leute. Erstaunlicherweise wurden wir aber oft von kleinen Maedchen in Englisch angesprochen, ob wir Hilfe brauchen. So hatten wir einmal im Nudelladen eine kleine Uebersetzerin. Ansonsten jonglierten wir mit den Silben unseres Reisefuehrervokabulars herum und wiederholten manchmal tausendfach, bis wir dann mit den Haenden zeichneten. Mit der Zeit lernten wir ein paar Worte, und irgendwann stellten wir fest, dass wir wohl laenger in China bleiben wuerden, da wir nicht weiter nach Russland reisen konnten (debile Visabestimmungen). Dann, so kann man sagen, wurde das Spiel etwas ernster, und ich lernte zwei Wochen ganz grundlegendes Chinesisch. Nach zwei Wochen Peking packten wir unser Schach und mein Chinesisch Kauderwelsch in kleine Rucksaecke und fuhren in den chinesischen Dongbei (Nordosten). Eine neue Spielrunde. Mit nun zwei gesammelten Spielbonuspunkten. Nun wurde Einkaufen lustiger, man konnte endlich mal verhandeln und sonst mal etwas schwatzen (wenn auch wirklich sehr rudimentaer). Mit einer neuen Sprache hat man das Privileg eines Kleinkindes, so scheint mir. Das &#8220;alles nochmals von vorne&#8221; hat auch wirklich etwas Erfrischendes ganz zu Beginn. Herumstammeln, in der Not Worte zusammenflicken &#8211; alles ganz normal. Hauptsache man kann sich irgendwie ausdruecken (Gestensprache ist hier auch nicht ganz gleich wie bei uns). Ich muss zugeben, die Leute beweisen hier meistens auch eine lange Geduld.<br />
Die Reise in den Nordosten war vor allem Dank Gespraechen und Spiel mit LEuten sehr spannend. Die Landschaften fand ich auf meiste Strecken eher bedrueckend. Seit wir in China angekommen sind, haben wir keinen natuerlichen Wald gesehen. Natuerlich ist das Land weit und gross, und wir haben zweifellos nur einen Ausschnitt gesehen. In diesem Ausschnitt jedoch standen Baeume streng Spalier oder in lichten genau bemessenen Anordnungen. Kein Saeugetier findet dort seinen Platz. Jeder Flecken Erde ist Nutzflaeche. Linear abgesteckt und bebaut mit Jungwald, Mais oder Wohnbloecken. Der ewig weisse Himmel, durch den heiss und grell die Sonne drueckte, machte die Stimmung gaenzlich depressiv. Ueber den Staedten wie Qingdao, der Kuestenstadt, hing ein dicker weisser Nebel, angeblich Smog, der Landschaft und Meer verschluckte. Diese Welt war grell ausgeleuchtet und schattenlos. Zweidimensional. Flaeche reihte sich an Flaeche. Das beste war, sich waehrend Zugfahrten in ein Spiel oder Buch zu vertiefen und in den Staedten die kleinen schattigen Winkel zu suchen, die Jiaozi (Dumplings) und Nudelbuden, die Spezereienlaeden und Teestuben. Nach Indien und Nepal ist China ein sehr lineares Spielbrett, eher Formenstreng und schlicht. Unsere Reiseroute wirkte formaler und strenger, unspektakulaerer. Die Tempel erschienen mit unglaublich leer und auch der beruehmte Gugong, die verbotene Stadt, war riesig aber irgendwie so hohl. Nach dem Barock Indiens muss man sich direkt an diese per Kompass ausgerichtete Linearwelt gewoehnen. China ist ein pragmatisches Spiel, soviel wurde uns klar. Hier faehrst du als Tourist von A nach B mit Bus Nummer C zur Sehenswuerdigkeit Z. Selbstsuche und Abenteuer, das liegt hier einfach nicht so in der Luft. China ist ein erstaunlich exakt organisiertes und weit veraesteltes System, das sich taeglich so scheint es mehr und mehr ausweitet. Strassen- und Schienennetz funktionieren einwandfrei, riesige Bahnhoefe werden gebaut, Siedlungen entstehen in Null Komma Nichts, Tausende von Arbeitsplaetzen werden wohl woechentlich geschaffen, jede Stadt zeigt stolz eine grosse Baustelle vor der bisherigen Skyline. Nichts wird dem Zufall ueberlassen. Wachstum, Reichtum, Groesse. In den Loechern des Netzes, dort befindet sich wohl noch das Abenteuer. Tourismusattraktionen wie Nationalparks gehoeren unabtrennbar zu diesem grandiosen System. Unser Tag in Chang Bai Shan (Nationalpark in Provinz Jilin) haette nicht schlechter verlaufen koennen, waehrend jeder einzelne chinesische Besucher ueber das Erlebnis frohlockte. Morgens um sieben Uhr standen wir bei der Kasse bereit, um bald eingelassen zu werden. Bis zur Oeffnungszeit um halb acht hatten sich mehrere hundert Besucher angesammelt, und wir sahen uns von einer lauten Menge mit Megaphonen bestueckter Guides umgeben und befuerchteten eher Anstrengung. Der Eintrittspreis war hoch, und eine Armada von Passagierbussen verhiess uns nicht gerade Abenteuer. 15 Minuten lang fuhren im Minutentakt gefuellte Busse entlang perfekter Hauptstrassen durch einen Birkenwald zu einer Mittlerstation. Von dort konnte man zu Fuss weiter auf einem Holzsteg ins Tal spazieren. Die dichte Beschilderung mit stupiden Warnungen suggerierten einen voellig hilflosen Besucher, der noch nie einen Wald betreten hat. Wir wurden gewarnt: Verirrt euch nicht. Doch &#8211;  es gab ja nur einen Weg. Am Rande des Weges ueberall Aufpasser und Platzanweiser. Langsam wurden wir unwirsch. Das war zuviel Kontrolle. Und als wir endlich den Anstieg zum Kratersee erreicht hatten, hielt uns ein Mann mit Funkgeraet an. Der Weg sei seit zwei Jahren verschuettet und gefaehrlich. Man muesse ein Ticket kaufen und mit dem Jeep hochfahren. Unnoetig zu erwaehnen, dass der ganze Poebel dort anstand und tatsaechlich zusaetzlich noch ein Ticket kaufte, um in der perfekten Trekkingausruestung hochgefahren zu werden. Wir sahen uns umgeben von Verrueckten. &#8220;Kann man nicht zu Fuss hoch?&#8221; &#8211; &#8220;Nein, natuerlich nicht. Ausgeschlossen.&#8221; Eine junge sympathische Studentin meinte: &#8220;Es ist wirklich extrem teuer, aber es lohnt sich so!&#8221; Der kontinuierliche Fluss schwarzer Jeeps, jeder etwa 50 Franken fassend, hoerte nicht auf. Die Strenge, mit der Leute per Megaphon in Reihen eingegliedert wurden, kehrte uns beinahe den Magen um. Wir verliessen das Spielfeld fluchtartig. Der Ausflug in die Natur bot uns den Anblick fremdgesteuerter Massen und ausgestopfter Hirsche. Von oekologischem Park und Natur kann nicht die Rede sein. Das einzige Tier, das dort zu finden ist, ist ein gigantischer Geldesel. Unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen der Forschungsstation Landschaftsoekologie bedauerten im Nachhinein, uns nicht den &#8220;geheimen&#8221; Weg – durch das Netz – zum Bergsee gezeigt zu haben. Wir atmeten auf, dass sie wenigstens einen eigenen Weg hoch gefunden hatten.<br />
Das Erlebnis machte uns wohl auch ein bisschen zu Systemkritikern. Wir haben oft hitzig untereinander oder mit anderen Leuten ueber dieses neue grossorganisierte, unternehmerische China hinter der langsam abschuessigen molligen Maomaske diskutiert. Wir sind nicht selten hin- und hergerissen zwischen Bewunderung gegenueber dem rasanten Fortschritt und Missfallen gegenueber einer forschen und ruecksichtslosen Vorgehensweise angesichts Aussichten auf Profit. Alles scheint jedoch perfekt geplant zu sein, viel besser als zu Zeiten Maos, obwohl das nie zur Debatte steht. Die heutigen Fünfjahresplaene bescheren keine grossen Hungersnoete mehr (wie nach dem &#8220;Grossen Sprung nach vorn&#8221;). Sie treiben die Bauern in die Stadt, die Landwirtschaft wird auf staatliche Grossbetriebe verteilt. Maisfelder meilenlang. Monokultur heisst die neue Kultur.<br />
Ich genoss die Aussichten einfach nicht so sehr. Wie gut war es drum im Kleinen, wo die Menschen noch spielen. Um laeppische 2 Yuan, weil es so ein bisschen spannender ist.</p>
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		<title>Die Bedeutung des Herz-Sutras im Hotel Nepal</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Jun 2010 09:51:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie muss es gewesen sein, frage ich mich, in den fruehen Siebzigern, als erstmals antiimperialistische Weltentdecker an den Pokharasee gelangten? Laut Schilderungen haben sie eine bessere Welt entdeckt. Sie liessen sich nieder und lernten die Sprache der Einheimischen, lernten deren Lebensrhythmus, deren Bewegungen, Gesten. In dieser terra incognita gab es genug Freiraum fuer neue Lebensentwuerfe, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie muss es gewesen sein, frage ich mich, in den fruehen Siebzigern, als erstmals antiimperialistische Weltentdecker an den Pokharasee gelangten? Laut Schilderungen haben sie eine bessere Welt entdeckt. Sie liessen sich nieder und lernten die Sprache der Einheimischen, lernten deren Lebensrhythmus, deren Bewegungen, Gesten. In dieser terra incognita gab es genug Freiraum fuer neue Lebensentwuerfe, naemlich, aus dem System, das als spezifisch westlich galt, imperialistisch und normierend, auszusteigen. Die konventionellen Huellen sollten fallen, und diese neugeborenen Menschen sahen sich an der Pforte des Paradieses.<br />
Ein nahezu biblischer Flecken Erde, ein wilder Park mit Aepfeln, wo den Menschen noch hie und da goettliche Schauer befallen.<br />
Eine uebliche Metapher fuer Unberuehrtheit, Unentdecktheit und fuer Reisende die Metapher fuer eine Reise der Suche nach geheimnisvollem und mythenumwobenem Ziel; sei es, dass ich gerade die goldenen Aepfel der Hesperiden oder einen alten Guru suche, der mir das Herz-Sutra lehrt &#8230; Gate gate paragate parasamgate bodhi svaha &#8230;<br />
&#8220;Gone gone, gone beyond, gone altogether beyond, O what an awakening, all hail!&#8221;<br />
Aus den Traeumen aufgewacht, frage ich: Wo? Wo ist dieser Ort?<br />
Der Weise, den ich vielleicht suchte, wuerde antworten wie zuvor: &#8220;Gate, gate&#8221;. Gone, gone.<br />
Wo zum Teufel, und dessen Reich ist nicht minder umstritten, ist das alles hin? Wo sind die Hippies? Wo ist die sagenhafte &#8220;echte&#8221; Landschaft?<br />
Wo natuerliche Ufer waren, wurde nun Erde aufgeschuettet fuer Pflasterpromenaden. Wo sich Reisfelder einem grossen Faecher gleich in Terrassen reihten, stehen infantil wie Baukloetze pinke Betonhotels. Pokhara ist, der antiimperialistischen Entdeckung zum Trotz, ein buergerlicher Moloch geworden. Schicke Wi-fi Cafes nach mondaener moderner Innenarchitektur und mit Illykaffee. Ein leicht alternativer Groove bleibt noch an den Huegeln der Stadt haengen, mit Yoga und Meditationsseminaren. Aber auch diese sind mittlerweile Teil der kommerziellen Touristenpalette. An die Strandpromenade des Paradieses Pokhara kommen die Einheimischen arbeiten, auch die Bettler. Die Bevoelkerung hat es geschafft, dieses Paradies, einen Traum schlechthin, selber zu betreiben. Ganz Nepal ist auf die Betreibung dieses Paradieses fuer Touristen angewiesen. Das kann diesem Land momentan auch niemand vorwerfen, und ich wuerde ihnen diese Kurbel auch nicht aus der Hand nehmen wollen. Aber &#8211; keine Inszenierung ohne die trennende Wand. Das ist die Bedingung des Spektakels. Ich habe es entlang der Haeuserfassaden, der Berge, ja sogar der Gesichter ausmachen koennen, dieses transparente Trennwaendchen. Photogene Gesichter mit bitterer Wahrheit in den Pupillen, traditionell geschmueckte Haeuser, wo der Tod ein und ausgeht wie ein Stammgast. Man kann diese zweischneidige Realitaet ignorieren, oder man kann unerbittlich drauf eingehen. Wie ich. Ich breite morgens die Zeitung ueber den Tisch aus und lese Nachrichten ueber depressivste Armut und den Freitod junger Frauen. Ich wuensche mir, dass diese Nachricht ein Loch in die Zeitung brennt, nein, vielmehr, dass sie Loecher in diesen 24Stunden Ferienfarbfilm brennt.<br />
Die Rueckwand des bequemen Paradieses ist eher das Gegenteil, ja, aber dafuer &#8220;echt&#8221;. Genug von Paradiesen!<br />
Davon habe ich die Nase langsam voll. Reden wir doch lieber von Realitaet und Realitaeten.<br />
In einem malerischen Huegeldoerfchen stiegen wir fuer drei Naechte ab. Das Gasthaus, in dem wir wohnten, vewoehnte mit hoelzerner Gemuetlichkeit und unbefangenem Umgang des freundlichen Personals. Eines Nachmittags sass ich im leeren Cafe, und die Hausangestellte stellte mir uebliche Fragen nach Familie, Beruf, Kindern etc. Etwas schwunglos gab ich darauf Antwort, fragte aber dann gleich nach ihrer Familie. Zwei Kinder. Etwas angeregter fragte ich nun, ob diese auch hier wie all die anderen vielen Kinder in Uniform zur Schule gingen. Keine Antwort. Die wenigen englischen Worte reichen jetzt nicht mehr. Glaenzende Augen und gestikulierende Arme und abwechslungsweise Englisch und Nepali bringen eine stossweise rezitierte holperige Geschichte hervor: Kinder nicht hier &#8230; geschieden &#8230; Unglueck &#8211; die Haende fliegen in die Luft, die Augen zeichnen zwei Kreise &#8211; grosse Tochter im Internat in Pokhara &#8230; kleine Tochter beim Mann &#8230; schlechter Mann &#8230; Alkohol &#8230; mit 14 geheiratet &#8230; keine Familie mehr &#8230; zweite Ehe ganz unmoeglich &#8230; Schande &#8230; bin nicht schoen &#8230; das Leben ist zu Ende &#8230; hier gut &#8230; Menschen helfen &#8230; ich bin 24.<br />
Sie ergreift meine Arme und haelt sie an die ihrigen, wie frueher, als wir Maedchen verglichen, wer ist braeuner aus den Ferien zurueck gekommen?<br />
Unsere Arme haben genau dieselbe Farbe. Es ist ungerecht, heult das Kind in meinem Kopf los.<br />
Ich schaue sie an, versuche mich aber zusammenzureissen. Es ist vorbei, sage ich. Dein Leben ist noch nicht vorbei, und du traegst keine Schuld an dem, was passierte. Es bleibt dir Zeit fuer Besseres. Du bist auch schoen. Etwas Gescheiteres vermochte ich leider nicht zu sagen. Sie kniff mich lachend in die Wange.<br />
Alles vergeht, Gutes sowie Schlechtes. Das ist das einzig Troestliche in diesem Augenblick. Ein Augenblick im selben Herzschlag:<br />
Gate gate paragate parasamgate bodhi svaha &#8230;</p>
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		<title>Darjeeling 09:40 &#8211; 09:50</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Jun 2010 09:29:00 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/06/IMG_4178-1024x682.jpg" alt="IMG_4178" title="IMG_4178" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-223" /></p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/06/IMG_4189-1024x682.jpg" alt="IMG_4189" title="IMG_4189" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-224" /></p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/06/IMG_4197-1024x682.jpg" alt="IMG_4197" title="IMG_4197" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-225" /></p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/06/IMG_4204-1024x682.jpg" alt="IMG_4204" title="IMG_4204" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-226" /></p>
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		<title>Ein Buenzli im Nirvana?</title>
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		<pubDate>Wed, 26 May 2010 01:09:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir waren mit dem Bus unterwegs von Kakarbitta nach Kathmandu. Das bedeutete vierzehn Stunden Fahrt, mit nur wenigen Unterbruechen. Der kleine Grenzort war noch ganz in Dunkelheit gehuellt, als wir uns um vier Uhr in der Frueh in den Bus setzten. Auf dem Fahrersims brannten langsam zwei Raeucherstaebchen ab. Wir warteten und verscheuchten die Muecken, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir waren mit dem Bus unterwegs von Kakarbitta nach Kathmandu. Das bedeutete vierzehn Stunden Fahrt, mit nur wenigen Unterbruechen. Der kleine Grenzort war noch ganz in Dunkelheit gehuellt, als wir uns um vier Uhr in der Frueh in den Bus setzten. Auf dem Fahrersims brannten langsam zwei Raeucherstaebchen ab. Wir warteten und verscheuchten die Muecken, die um unsere Fussgelenke surrten. Der Fahrer liess sich in den Sessel plumpsen, und der Ticketjunge hielt sich am Tuerrahmen fest. Die mond- und sternlose Nacht liess unseren Bus wie ein Spielzeug in einer schwarzen Manteltasche verschwinden. Entlang der Landstrasse leuchteten immer wieder Taschenlampen auf, und der Bus liess neue Leute zusteigen. Um sieben Uhr war der Bus bis auf den letzten Platz voll. Der Tag brach an in weissem Dunst und versprach sehr heiss zu werden. Spaetestens gegen Mittag glich unser Bus einem Dampftopf und wir Passagiere einer Handvoll gut gequollener Dampfbroetchen. Neun Stunden hatten wir einigermassen mit einer sparsamen Mittagspause mit Dal Bhat ueberstanden, als ein fataler Fahrerwechsel stattfand. Von hinten sah er aus, wie ein gemuetlicher Buddha, mit tatsaechlich langen Buddhaohren, die halbmondig wie Momos von seinem Kopf abstanden. Was dieser Buddha uns bescherte waren fuenf Stunden Schweisshaende und ein Gespraech ueber die Wiedergeburt. Meine freundlichen Versuche &#8220;Excuse me, we would like to arrive in Kathmandu alive&#8221; fruchteten leidlich, und sogar das alte nepalesische Vaeterchen, das diskret den bleichen Kopf aus dem Fenster streckte, fiel nur deswegen ueberhaupt auf, weil es im Fahrtwind den Busbegleiter in der  offenen Tuer vollkotzte. Wir schnitten Kurven, schliffen die Kanten an vorbeikommenden Bussen. Unser Bus war wie eine Guetzlischachtel auf Ralley. Mein minimal seherisches Potential sagte mir, dass diese wildgewordene Kamblybox heute noch ein Opfer findet. Hurra, Geisterbahn: Ploetzlich sehen wir ein Buswrack nach dem anderen auf der Strassenseite liegen. Gekippt, ausgebrannt, wie ein Kaefer auf dem Ruecken, mit dem Hinterteil in einem Haus und komplett eingeschossen. Fuenf an der Zahl. Wir rufen abundzu was zum Buddha nach vorne, der den Fuss wie einen Klotz auf dem Gas laesst. Nichts. Hoch gehts auf der Bergstrasse nach Kathmandu. Schneller als die Engel fliegen. &#8220;David, wenn du waehlen koenntest, als was moechtest du wiedergeboren werden?&#8221; &#8211; &#8220;Hm, im schlechteren Fall als europaeische Hauskatze.&#8221; Genau wie ich! Was eine bessere Wiedergeburt betrifft, so geraten wir beide eher in Verlegenheit. Wir stammen aus dem Bollywood-Film-Paradies. Vor unserer Landschaft und Architekur tanzen Inder in gelben Windjacken und Inderinnen in bunten Sarees. Unser Leben ist ein indischer Traum. Wenn dieser Film fertig ist, was dann? Encore une fois? Oder kommt man nach einem friedfertigen, langweiligen, ja vielleicht buenzligen Schweizer Leben direkt ins Nirvana? Wir geben zu, wir verstehen die hierarchische Wiedergeburtsordnung nicht ganz, und wollen uns auch gar nicht drueber lustig machen. Wir stellten schliesslich nur fest, dass wir beide eigentlich mit dem Wiedergeburtsmodell der europaeischen Hauskatze ueberaus zufrieden waeren und die hoehere Wiedergeburt gerne anderen ueberlassen wuerden. Wenn man freilich waehlen darf. Ich kann mich erinnern, dass ich frueher insbesondere auf unseren roten Kater neidisch war, als ich jeweils morgens um sechs Uhr meine Sachen zusammenpackte und der faule Kerl schnurrend eingerollt auf dem Sofa lag und schlafend lachte. Ein kurzes Leben, aber immerhin, viel Zeit, um gekrault zu werden. Ich sehe mich schon auf vier Beinen unter Brombeerhecken durchschleichen, waherend Kater David an der Sonne liegt. Doch ploetzlich ein Motorrad! Die Katze kreischt. Die moerderische Kamblybox: Drei Maenner auf einem Motorrad reissen vor uns die Augen auf. Der Schreck haelt sie starr, doch ihr Fahrer schafft es den Lenker im letzten Moment herumzuziehen. Sie verschwinden schleunigst am linken Rand der Windschutzscheibe. Buddha verzieht keine Miene. Er spielt sich tatsaechlich auf, als waere er ein schicksalshafter Komet, ein goettlicher Thunderbolt.<br />
Die Dampfbroetchen im Bus realisieren nichts. Zu lange haben wir alle schon geschmort.<br />
Dann, die naechste Ortschaft. Eine Schranke. Die Kamblybox steht still. Am Rand der rechten Windschutzscheibe bildet sich langsam ein immer groesser werdender dunkler Fleck. Faeuste werden erkennbar, und wir sehen wieder die drei Maenner mit dem Motorrad. Wutenbrannt, treten sie gegen den Bus, steigen zum Fahrer hoch und schlagen ihn ins Gesicht. Ihre Augen sehen furchterregend aus, irgendwie unwirklich. Wie die kugeligen rotgeaederten Augen wutenbrannter Goetter wie Vajrapani. Buddha verhaelt sich zumindest buddhalike. Er laesst sich kommentarlos das T-Shirt zerreissen und ins Gesicht schlagen. Als handle es sich um einen kurzen Donnerhagel oder einen Wespenangriff, haelt er sich still, bis die Maenner von ihm ablassen und die Menge rund herum sich beruhigt hat. Dann ist es ploetzlich gut. Ich war froh, hatte sich also das Fatum erfuellt fuer den heutigen Tag und hatte der Schicksalsgott nicht mehr gefordert als einen Blick ins Katzenauge des Todesgotts (Yama).</p>
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		<title>Hindustan &#8211; Ein Rauschen in der Leitung</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Apr 2010 12:32:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[So viele Gesichter siehst du, so viele Muender, Augen, Ohren, Frisuren. Da meinst du endlich, &#8220;das&#8221; Gesicht zu sehen, ein Du. &#8220;Wer bist du?&#8221;, denkst du, &#8220;Wie bist du und warum schaust du gerade so?&#8221; Eure feuchten Arme streifen sich beim Voruebergehen, die Blicke senken sich zu Boden. Diese Begegnung wird sich unendlich wiederholen. Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So viele Gesichter siehst du, so viele Muender, Augen, Ohren, Frisuren. Da meinst du endlich, &#8220;das&#8221; Gesicht zu sehen, ein Du. &#8220;Wer bist du?&#8221;, denkst du, &#8220;Wie bist du und warum schaust du gerade so?&#8221; Eure feuchten Arme streifen sich beim Voruebergehen, die Blicke senken sich zu Boden. Diese Begegnung wird sich unendlich wiederholen. Ein Gesicht &#8211; tausendfach Gesicht. Am Anfang bleibst du haengen, verweilst. Doch irgendwann spuelt es dich einfach weiter. Gesichter sind Sandkoerner.  Dieser Sand schleift dich glatt wie eine Muschel, sogar durchsichtig vielleicht. Ja, an manchen Tagen bist du leer wie ein Muschelhaus. Es ist schon fast ein bisschen zum Weinen. Momente ohne Praegung reihen sich zu einer Kette von Minuten, Stunden und Tagen. Warten, bis jemand endlich etwas in die glatte Schale ritzt. Ein kleines Wort, etwas Persoenliches, eine kleine Praegung. Ich denke an das perlmuttenseelen verlassene Haus des Nautilus Pompilius. Bis in die tiefste seiner Schimmerkammern horchte ich und vernahm dabei nur ein dumpfes ewiges Rauschen aus dem Schneckenpalast.<br />
Indien rauscht in meinem Kopf. Wenn ich keine Muschel bin, dann halt ein Radio, auf dem staendig der richtige Sender gesucht wird. Was soll ich hier noch anschauen, wen oder was soll ich hier noch anhoeren. Das Rauschen verstummt vor der hermetisch abgeriegelten Tuer eines Buchladens in Kalkutta. Der Blick streift die Buecherregale, und die rechte Hand zieht hie und da ein Buch heraus, um es sogleich wieder zurueck zu stellen. Da unterbricht mich ploetzlich jemand in dieser schweifenden Taetigkeit. Ein aelterer Mann, beinahe zahnlos und mit dicker Hornbrille, gekleidet in Shalwar und Strickpullunder ist vorsichtig auf mich zugekommen. Er zeigt mit dem Zeigefinger auf das Buch, das ich in der Hand halte. &#8220;Dieses Buch kann ich ihnen nur sehr empfehlen. Wunderbar und geistreich geschrieben.&#8221; &#8211; &#8220;Sie kennen den Autor wohl gut?&#8221; &#8211; &#8220;Oh ja, wir waren lange Zeit Nachbarn. 1992 ist er allerdings leider verstorben, doch mit seinem Sohn besteht weiterhin ein nachbarliches Verhaeltnis.&#8221; So habe ich den Nachbarn von Satyajit Ray kennengelernt. Seither lese ich Rays Kurzgeschichten, und es scheint mir, das Rauschen ist etwas verklungen.</p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/04/IMG_0572-1024x768.jpg" alt="IMG_0572" title="IMG_0572" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-219" /></p>
<p><em>Nautilus Pompilius &#8211; Gefunden auf North Passage Island, Middle Andaman Islands</em></p>
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		<title>Stuendeler Huendeler</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 17:47:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hundeleben in Indien. Ein Leben als Hund. Hunde leben in Indien. In Indien &#8220;leben&#8221; Hunde. Eine kleine Auslegeordnung zum Thema. In Indien ist ein richtiges Hundeleben moeglich. Mager, zerlaust, rippig, aufgedunsen, von Kraetze befallen sind die schwaecheren, die missmutigeren, die sich winselnd, flehend auf den Boden werfen oder ploetzlich aus mutiger Dummheit irgendwo zubeissen. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hundeleben in Indien. Ein Leben als Hund. Hunde leben in Indien. In Indien &#8220;leben&#8221; Hunde. Eine kleine Auslegeordnung zum Thema. In Indien ist ein richtiges Hundeleben moeglich. Mager, zerlaust, rippig, aufgedunsen, von Kraetze befallen sind die schwaecheren, die missmutigeren, die sich winselnd, flehend auf den Boden werfen oder ploetzlich aus mutiger Dummheit irgendwo zubeissen. Die anderen, die etwas staerkeren eben, sind sicher genauso windigen Charakters, doch sie halten sich gut, denn sie sind schlauer. Sie laufen mit Touristen als treue Begleiter mit, lassen sie Sicherheit und Treue spueren, bis sie ein Stueck Fisch bekommen oder dann doch einfach als Schleimer entlarvt und mit dem einheimischen &#8220;Hep!&#8221; weggejagt werden. Das ist das Hundeblicktraurige: Obwohl sie sich im Rudel so stark fuehlen, und ganze Straende unsicher machen, sucht sich jeglicher Klaeffer irgendwie den Bezug zu einem Menschen. Zurueck zum Wolf, das ist zu spaet. Das koennen sie nicht mehr. Der Mensch ist ihre Gnade. Indische Hunde fristen ein Leben unter absoluter Menschengnade: Sie werden genaehrt, verstossen, verjagt, getreten, gefuettert, beworfen &#8211; aber nicht getoetet. Mehrmals jaehrlich bringt die Huendin neue und wieder neue Geschoepfe zur Welt. Es sind samtweiche kleine Welpen, die in den Ressorts von Touristen gepaeppelt, von Kindern gehaetschelt und getaetschelt werden. Man liebt das Leben, solange es jung ist. Wie die Hunde ausgewachsen sind, traegt die Hundemutter bereits die naechste Generation. Ihre Zitzen sind so gross, man meint, man könnte dieses Tier melken wie eine Kuh oder eine Ziege. An jungen Hunden fehlt es nie – ein wahrer Jungbrunnen. Die Alten muessen sich selbst durchzuschlagen wissen. Manche mausern sich zu tatsaechlich treuen Dienern, die den Weg nach Hause zeigen, andere Hunde verscheuchen und ergeben vor der Huette warten. Andere kaempfen sich sonst auf irgendwelche Art an den Menschen vorbei durchs Leben. Sie fahren Schiff, Zug, warten an Bahnhoefen, baden am Strand. Richtige Stuendeler.<br />
Kuerzlich bestieg einer mit uns das Schiff nach Long Island in Rangat. Ein schlanker Hellbrauner mit glattem Fell. Ein angetrunkener Bordmechaniker suchte ihn anfaenglich, vergass ihn im Laufe der Ueberfahrt aber dann. Kurz vor Long Island entdeckte er denselben wieder, als dieser am Bordrand stand und scheinbar irgendwohin aufs Meer hinausschaute. Also schlich er sich heran, und befoerderte den Braunen mit einem kurzen heftigen Tritt ins Wasser. Es waren noch ein paar hundert Meter bis zum Ufer. Der Hund tat nichts anderes als hinter dem Schiff hinterher zu schwimmen. Er folgte deutlich der Fahrspur, den Kopf knapp ueber Wasser und eilig paddelnd. Ich war froh, jaulte er nicht und schwamm irgendwann endlich direkter auf die Insel zu. Er wuerde es schaffen, wussten wir nach ein paar Augenblicken. &#8220;Idiot&#8221;, zischten wir boese ueber den Mechaniker. Was ist das fuer eine Gnade, aus Prinzip &#8220;nie&#8221; aber &#8220;beinahe&#8221; umgebracht zu werden?<br />
Ich stand noch einige Minuten am Pier und hielt nach dem Tier Ausschau. Ich frage mich immer noch, ob ich hinausgeschwommen waere, um es dort rauszuholen, waere es wirklich noetig gewesen. Nun? Waere ich, waere ich nicht? Zum Glueck muss ich das nicht beantworten, denn der Hund lebt jetzt auf Long Island &#8230; </p>
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		<title>Die Schneiderkatze</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 17:42:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eines schwuelen Abends auf den Andamaneninseln liefen wir bereits im Dunkeln die betongepfadete Strecke ins Inseldorf hinunter. Wir waren derzeit auf Long Island, einer kleineren, menschenleeren Insel. Das Dorf bestand aus notduerftig gebauten Huetten und Bretterverschlaegen. Zu gewissen Tageszeiten glich die Siedlung einer verlassenen Goldminenstadt. Dort, in dieser verlassenen Ortschaft, oeffneten sich jedenfalls die Fenster [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eines schwuelen Abends auf den Andamaneninseln liefen wir bereits im Dunkeln die betongepfadete Strecke ins Inseldorf hinunter. Wir waren derzeit auf Long Island, einer kleineren, menschenleeren Insel. Das Dorf bestand aus notduerftig gebauten Huetten und Bretterverschlaegen. Zu gewissen Tageszeiten glich die Siedlung einer verlassenen Goldminenstadt. Dort, in dieser verlassenen Ortschaft, oeffneten sich jedenfalls die Fenster und Ladentueren erst, sobald es dunkelte. Erst dann erwachten die Buden zu Leben und knatterte aus Transistorradios der letzte Bollywoodhit.<br />
An jenem Abend bedurfte ich eines Schneiders, um an meinem Lunhgi (Wickeltuch, ueblicherweise von Maennern getragen) einen Saum naehen zu lassen. Tatsaechlich fanden wir zwei Schneider im Dorf. Der Juengere hatte seinen Laden ziemlich voll, auch quoll es daraus an Stoffen nur so hervor. Der Aeltere hingegen stand in einem puppenstubenkleinen Lokaelchen. Seine lange weissgekleidete Gestalt wiegte sich langsam, waehrend er mit dem Buegeleisen einen dicken Stoff glaettete. Bei ihm spielte ein rotes Kaetzchen mit einem Fadenknaeuelchen auf dem Schneidertisch. Unter der Tischplatte schielte ein Hund hervor.<br />
Wortlos trat der Schneider einen kleinen Schritt auf mich zu und begutachtete den Lunghi, indem er ihn in der Luft entfaltete. Kein Wort war noetig. Auch nicht meine kurze Begruessung und der Hinweis auf den ausgefransten Stoffrand, der sich immer weiter in den schwarzen Stoff frass.<br />
Der Schneider stellte das Buegeleisen zur Seite, wedelte langsam mit der Hand, was dem Kaetzchen galt, das dem heissen aufgerichteten Dreieck zu nahe kam, und eine deutliche Sekunde lang strich die lange trockene Hand ueber das rote feine Fell. Der Schneider setzte sich behende an die alte Tretnaehmaschine und zog von irgendwoher einen fast unsichtbaren Faden hervor. Er suchte mit grossen Augen das Nadeloehr. Das Kaetzchen pfoetelte nun fein gegen den Finger des Schneiders und den Faden, dann drehte es auf der Naehmaschine eine Runde und sprang auf den Boden. Der Hund, der sich vor Langeweile den Kopf auf die Pfoten gelegt hatte, wachte schlagartig auf und schlich langsam dem Kaetzchen hinterher, das aus dem Laden beinelte. Der Schneider hielt gerade einen Moment inne, er hatte das Oehr gefunden und den Stoff nun unter die Nadel gezogen. Ich sah den Hund im heimlichen Anlauf auf die Katze, welche sich schon buckelte, als ganz unerwartet  ein langer Bambusstock aus dem Fenster auf den Hund hinabschnellte, so zischend und knallend, dass dieser laut aufheulte und von der Katze wegsprang. Der Hund wurde einsilbig an seinen Platz verwiesen, und das Kaetzchen trabte siegreich zurueck und sprang wieder auf den Schneidertisch. Der Schneider trat aufs Pedal und der schwarze Stoff glitt durch Daumen und Zeigefinger. Das Kaetzchen beobachtete, sprungbereit. Der Schneider drehte den Oberkoerper zur Seite, streckte sich zu einem Faden und rollte ihn zwischen den Fingern zu einem Kuegelchen. Das Kuegelchen legte er auf die stoffige Unterflaeche und spickte es lautlos weg. Das Kaetzchen frohlockte mit kleiner Kralle. Der Schneider fuhr fort. Der plumpe Huempu seufzte, der Arme. Dies war nicht seine Geschichte. Am Ende des sanften Stoffes schnitt der pharaonenhafte Schneider mit langer Schere den Faden entzwei. </p>
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		<title>Sengende Wuensche</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Mar 2010 09:05:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als wir in Tirupati ankamen, war es ein Uhr nachts. In der blau getuenchten Bahnhofshalle lagen Menschen kreuz und quer mit ihren Kindern, Buendeln und Decken auf dem Boden. Hunde streunten durch das Menschenlabyrinth, Essensreste und Pfuetzen aufleckend. Noch konnten wir die Wunderkraft dieses Pilgerortes nicht erahnen. Mit muedem Blick nach langer blauer Zugfahrt nahmen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als wir in Tirupati ankamen, war es ein Uhr nachts. In der blau getuenchten Bahnhofshalle lagen Menschen kreuz und quer mit ihren Kindern, Buendeln und Decken auf dem Boden. Hunde streunten durch das Menschenlabyrinth, Essensreste und Pfuetzen aufleckend.<br />
Noch konnten wir die Wunderkraft dieses Pilgerortes nicht erahnen. Mit muedem Blick nach langer blauer Zugfahrt nahmen wir die Hoffnungen auf ein Wunder ringsum wahr: Man war gekommen, koerperlich versehrt oder auch gesund, um dem schwarzen Gott Venkateshwara, Vishnus Reinkarnation, auf dem Berg zu huldigen und daraufhin einen Wunsch erfuellt zu bekommen.<br />
Spaet nachts suchten wir nach einer Unterkunft. Alles schlief. Die Luft stand erbarmungslos still. Erste Tropfen ueber den Lippen. Endlich finden wir eine passable Unterkunft. Die Liftfluegel gehen auf, und Ganesha schaut in den Lift. Wir sind tropfnass. An Ganesha vorbei zur letzten Zimmertuer des Ganges. Der Ventilator brummt traege, man atmet, was man kann. Das Fenster laesst sich zunaechst nicht oeffnen. Atmen, atmen.<br />
Nach einer lauen Dusche sinken wir traege aufs Bett. Der naechste Tag bricht an, nahtlos, ohne Uebergang. Die schwarze Hitze wird nun weiss, sengend, verbrennend. Phaeton muss zweifellos hier mit seinem Feuerwagen vorbeigestoben sein auf seiner ersten und letzten Abenteuerfahrt, die ganze Gegenden versengte.  In einem Hotelrestaurant brummen die kleinen braunen Ventilatoren. Eine Fliege klebt an meinem kalten beschlagenen Glas. Die sandige Strasse vor der Fensterfront  blendet. Die Menschheit da draussen ist bis auf wenige Ausnahmen vollstaendig kahl. Mir ist, als versenge die Hitze hier selbst die Haare. Frauen in Saris sehen ploetzlich etwas unheimlich aus. Kinder wirken ploetzlich wie kleine Greise und Greisinnen mit zu grossen Koepfen. </p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/03/IMG_3293-1024x682.jpg" alt="Tirupati Pilgrims" title="Tirupati Pilgrims" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-196" /></p>
<p>In Wahrheit ist der Gott der Grund fuer die Kahlheit. Er fordert Pilgerhaar, und das tonnenweise. Gegen Tonnen von Wuenschen. Was davon ist schwerer? Ein Haar oder ein Wunsch?<br />
Fuer einen Wunsch opfert der Hindupilger sein ganzes Haar. Uebrig bleibt nur ein dunkler Streif entlang des Scheitels, der Sonne Brandmal.<br />
Nach dem Fruehstueck wasche ich mir die Haende. Das Wasser ist so kochend heiss, dass ich mir beinahe die Finger versenge. Der schwarze Wassertank auf dem Dach muss kurz vor der Explosion stehen. Wir gehen die Treppen hoch aufs Dach. Da oben flimmert es. In einer Ecke an der Bruestung haeufen sich leere Schnapsflaschen. In der Mitte des Dachs steht ein grosser Holzofen, der stark raucht. Mehrere Maenner, schwarz von der taeglichen Arbeit unter dieser Sonne, feuern diesen mit Kokosnussschalen ein. Dahinter finde ich die Toiletten. Das Wasser in den Kuebeln ist warm. Es ist die Hoelle auf den Daechern, von denen man auf den Tempel hinunter sieht. Hier fanden wir die beste Aussicht.<br />
Wir gehen langsam wieder in die Welt hinunter. Unsere Glieder, unsere Zungen sind lahm. Wir denken so weit, wie unsere Schritte reichen. Die Sonne hat uns. Sie durchleuchtet unsere Gedanken. Die Hitze zeigt uns so wie wir sind. Geschichten und Erinnerungen zerfallen, verlaufen. Es ist zu heiss fuer Geschichten. Die Sonne loescht so einiges aus, fuer eine Weile. Ich spuere Existenz. Selbst fuer die Liebe ist es zu heiss. Die Augen des schwarzen Gottes lasten ueberall auf einem.<br />
Was bleibt einem infolge dessen anderes uebrig, als gleich den Glaeubigen einen Wunsch zu aeussern? &#8220;Bring uns fort von hier, grosser Venkateshwara, bring uns auf die fernen, luftig-feuchten Andamanen. Halte das Schiff auf, moege es einen Tag spaeter auf die hohe See auslaufen. Grosser, schwarzer Venkateshwara&#8221;, ich riss mir ein Haar aus, &#8220;bring uns weg von hier&#8221;.<br />
Am Abend schauten wir von der Dachterrasse zum beleuchteten Goetterberg hinueber. Wie viele Menschen wohl an diesem Abend des dunklen Gottes ansichtig wurden? Und wir, die wir uns mit seinem Abbild ueber unserem Bett begnuegten.<br />
Diesen Moment sitze ich in einer luftigen bastenen Huette, aehnlich einer Schmuckschatulle, auf den Andamanen und frage mich, wie schwer Wuensche wiegen. Der Gott sitzt nach wie vor in Tirupati und schweigt hierzu.</p>
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		<title>Blauer Zug</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Mar 2010 09:04:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vier Tage Pondicherry. Nun fahren wir gleich weiter nach Andhra Pradesh. Mit einem Bummlerzug. Um 23 Uhr, heisst es, kommen wir an in Tirupati. David sitzt auf der Bank am Perron. Ich schaue ihn durch die blauen Gitterstaebe an. Auf dem Sims steht der kleine Pappbecher mit dem Chai. Auf dem Sitz gegenueber liegt das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vier Tage Pondicherry. Nun fahren wir gleich weiter nach Andhra Pradesh. Mit einem Bummlerzug. Um 23 Uhr, heisst es, kommen wir an in Tirupati. David sitzt auf der Bank am Perron. Ich schaue ihn durch die blauen Gitterstaebe an. Auf dem Sims steht der kleine Pappbecher mit dem Chai. Auf dem Sitz gegenueber liegt das Buch Ramayana fuer die Fahrt bereit. Noch ist das Abteil leer, und die Ventilatoren an der Decke stehen still. Man sieht den Sitzen an, dass sich taeglich unzaehlige Menschen hier einrichten. Auf den Sitz Nr. 49 mir schraeg vis-a-vis setzt man sich hundert Mal, oder zweihundert Mal? Es ist das leerste Abteil, das ich je gesehen habe. Noch nie habe ich solche Leere, Stille in Indien erlebt, dass es mir auffiel, dass sie fast &#8220;laut&#8221; war. Die Stille erzaehlt hier ihre Geschichten. Ich versuche sie mir ganz fest einzupraegen. Wozu, weiss ich nicht. Ich will sie einfach behalten. Ein zweiter Passagier betritt das Abteil. Es ist ein kleiner aelterer Mann im weissen Hemd. Kurz darauf folgt seine Frau im orangen Sari. Die Nr. 49 natuerlich immer noch leer. Drei Flecken hats dort auf dem Sitz. Der dunkelblaue Plastikbezug ist stark abgeschossen. Ein Passagier, ein Kind, hat daran immer weiter rumgekratzt &#8211; ganz beilaeufig, in Gedanken versunken, waehrend der Fahrt. Eine grosse wuchtige Frau gesellt sich zur kleinen Gruppe. Die offene Seite des Saris laesst zwei grosse regelmaessige Bauchwuelste sehen. Einige Minuten spaeter hat sie die Arme wie zwei Riesenschlangen um den Kopf geschlungen und schlaeft, den schweren Kopf auf die kleine Reisetasche gebettet. Nordindische Touristen mit Rollkoffern gehen ernsthaft am Fenster vorueber. Die Maenner sind glattrasiert und tragen gefaerbtes Haar. David hat an uebersehbarer Stelle einen blauen Schalter auf blauer Wand gekippt. Die Ventis laufen. Maenner starren ins Abteil. Nieamand spricht. David erhaelt einen Anruf. Es ist Kumar, unser Nachbar von der Breitenrainstrasse. Alle Typen schauen gebannt beim Telefonieren zu. Kumars Mutter lebt in Pondi. Wir hatten eine falsche Nummer gehabt und konnten sie deshalb nicht besuchen. Als Kumar anrief, um die richtige mitzuteilen, war es also leider zu spaet.<br />
Eine schwangere Frau, ganz in Hellrosa sitzt auf Nr.49, neben ihr ein kleines Maedchen. Ein Mann wankt muehselig an meinem Fenster vorbei und laesst sich auf eine Bank fallen. Er ist nicht alt, doch seine Beine sind alt. Sie scheinen nur noch mit aeusserster Anstrengung den oberen Koerper tragen zu koennen. Zittrig streben sie auseinander, als waeren sie aus altem Holz. Die Fusssohlen eines Elefanten: Endlos gelaufen.<br />
Das Abteil fuellt sich bis auf den letzten Sitz und die Gepaeckablage.<br />
Waehrend der Fahrt teile ich einmal den Sitz mit einem Maedchen.<br />
Auf Nr. 49 wechselten in den ersten Stunden die Fahrgaeste fuenf Mal, dann hoerte ich auf zu zaehlen. Tirupati erreichten wir weit nach Mitternacht.</p>
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		<title>Smalltalk im Paradies</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Mar 2010 09:03:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wir fuhren nach Kodaikanal. Es war eine Busfahrt wie manche. Der touristische Bergort zeigte sich zunaechst von seiner anstrengenden Seite. Wie immer, wenn man muede und krank ist. Wir fuhren aus der Stadt hinaus auf eine Farm. Eine Aussteigerfarm, die Karunafarm. Ein paar Tage aussteigen: aus der Stadt in die Natur, aus dem Laerm in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir fuhren nach Kodaikanal. Es war eine Busfahrt wie manche. Der touristische Bergort zeigte sich zunaechst von seiner anstrengenden Seite. Wie immer, wenn man muede und krank ist. Wir fuhren aus der Stadt hinaus auf eine Farm. Eine Aussteigerfarm, die Karunafarm.</p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/03/IMG_3003-1024x682.jpg" alt="Karuna Farm, Kodaikanal" title="Karuna Farm, Kodaikanal" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-200" /></p>
<p>Ein paar Tage aussteigen: aus der Stadt in die Natur, aus dem Laerm in die Stille, aus der Reise mit all den Besichtigungen in eine scheinbare Sesshaftigkeit mit einem stagnierenden Bild. Das Bild: Eine kleine Huette auf einem Huegel und eine Aussicht auf einen dicht bewachsenen Hang, der sich gegen die heissen Ebenen Tamil Nadus hinunterzieht. Hibiskusblueten, Kaffeestraeucher, Zitronen. Wir sitzen vor dem Huettchen, spielen Schach. Zu reden gibt es wenig. Es ist alles so klar. Keine Langweile, kein Sehnen. Abundzu kochen wir Zuckerbananen. Lesen am schattigen Bach. Auf die  Ebenen hinunterschauen von einem grossen Felsen aus.<br />
Es gibt verschiedene Leute auf der Farm. Alle in ihren verstreuten Huettchen. Abends trifft man sich, man isst, redet.<br />
Nevil gehoert die Farm, er leitet sie als Besucherort. Einen Tag nach unserer Ankunft wandert er im weissen Lunghi und mit Wanderstab den Huegel hoch, richtung Bushaltestelle im nächsten kleinen Weiler. Er faehrt zur Kumbh Mela in Nordindien.<br />
Die Farm ist nun seinen nepalesischen Gehilfen ueberlassen. Manchmal ruft er sie abends an.<br />
Eine richtige Gemeinschaft trifft man auf der Farm allerdings nicht an. Zwar verleben manche Leute tatsaechlich eine laengere Zeit hier, doch die meisten reisen bald weiter. Ein englisches Paar hingegen lebt mehrere Monate im Jahr dort und ist dabei, ein sehr schoenes Yogahaus aus Lehm, Kokosfaser und Ziegeln zu bauen. Ich haette gerne mitgeholfen die paar Tage. Die Idee gefiel mir und v.a. die Umsetzung. In der Woche war ich aber zu krank und war mit der taeglichen Huegelwanderung am Hang bereits genug beschaeftigt.<br />
Die Farm zieht ganz verschiedene Leute an. Im Kern ist die temporaere Zweckgemeinschaft stark links alternativ. In diesem Kern der Karunafarm sah ich vor allem die Vision des wahren, richtigen Lebens. Das Sharing dieser Vision basiert auf einer Art Rhythmus. Das heisst, wenn man mit diesem mitgeht, gehoert man zur Community.<br />
Eines Abends sassen wir vor dem Haeuschen, das ein nordindisches Paerchen bewohnte. Der Mond stand senkrecht ueber uns und dem Lagerfeuer, wo wir eben gemuetlich Kartoffeln und Bananen mit Schokolade gebraten hatten. Jetzt ist es ein Moment lang still im Kreis der Unbekannten. Smalltalk plaetschert: &#8220;Indian food is so unhealthy&#8221;, &#8220;oh that poppy is sooooo cute&#8221;, &#8220;how long does it take to get to the bus stand on foot?&#8221;, &#8220;oh you know, i hate shopping, but i have to, because these chips are so fucking tasty &#8230;&#8221;, &#8220;oh fuck, these bananas were sooooo good&#8221; &#8211; &#8220;oh yeah man, they were really fucking good&#8221;. Im Hintergrund laeuft Thievery Cooporation. Cool sound. Auf einem iPhone wird nun andere Musik abgespielt, HipHop bis zu Sentimental. Ein blondes Maedchen, das sich tagsueber eher still zeigte, sitzt mit langem aufgeloesten Haar im Schneidersitz und beginnt zur Hintergrundmusik zu erzaehlen: &#8220;I ran away from home, when I was six&#8221;, sagt sie und laechelt traurig. &#8220;And also now, I don&#8217;t really know, if I will be able to go back home to South Africa. It is still a nazi system there.&#8221; Ihr Nachbar nickt langsam und sagt: &#8220;How is it in South Africa? You still feel the remainings of the former Apartheid system?&#8221;-&#8221;Oh, yeeeeah, definitely. It is so &#8230;&#8221;. Am Ende wird er ihr sagen, dass er noch nie in Afrika war, aber als erstes nach Rwanda reisen moechte. Die Musik hat laengst schon eine Wende genommen: Einer klimpert auf einer verstimmten Gitarre Bob Marley und einige singen dazu.<br />
&#8220;Money makes mankind evil.&#8221;- &#8220;The problems are not about things. Money cannot be evil, it is the people.&#8221; Ein Joint macht die Runde. Jemand beginnt auf etwas zu trommeln, jemand spielt Mundharmonika, die Suedafrikanerin stimmt mit geschlossenen Augen einen heulenden irgendwie altgaelischen Gesang an (aehnlich wie die Saengerin von den Cranberries).<br />
Der Typ mit der Gitarre fragt David: &#8220;How long have you guys been here?&#8221; &#8211; &#8220;Oh, quite a time, but not too long. One week. After tomorrow we are going to leave&#8221;. &#8211; &#8220;Quite a time, huh? You call that quite a time &#8211; one week,&#8221; meint er, weil er selber hier Monate verbringt.<br />
Als waere uns das Paradies verwehrt? Dabei sind wir doch hier, jetzt gerade. Wenn auch nur eine Woche. Doch was ist Zeit? Das ist ja das Schoene. &#8220;Unsere&#8221; Zeit ist nicht einfach objektiv, sie steckt irgendwo tief in uns drin. Sie misst in gefuehlten Kilometern, durstigen Schritten auf Staubstrassen, durchfeierten Naechten, Runden in einem verirrten oder gluecklichen Slalom durch den Wald.<br />
Irgendwo sitzt in uns der gute Meister Hora aus Michael Endes Erzaehlung &#8220;Momo&#8221;. Es gibt eine Zeit, und die gehoert uns.<br />
Wir sitzen also im Paradies und haben sogar gerade Zeit.<br />
Was fuehrt man fuer Gespraeche im Paradies? Redet man ueberhaupt? Fuehrt man tiefsinnige Gespraeche? Und wenn, ueber was?<br />
In diesem Kreis spricht man ueber den negativen Kapitalismus, Apartheit, Rwanda, die eigene Orientierungslosigkeit, Sinnsuche. Die Blonde ruelpst lange und laut. Die kleine Feine ist bereit an diesem Abend ihr Innerstes nach aussen zu stuelpen.<br />
David und ich schauen uns hie und da an. Wir moegen irgendwie nicht so richtig. Zu reden gibt es nichts. Zu schoen hier. Wir verabschieden uns nach einer Weile, verlieren ein paar Worte ueber das gemuetliche Essen zuvor und gehen zurueck. Das Paradies ist wortlos. Langweilig, vielleicht. Darum wahrscheinlich spricht man, wenn, dann ueber die Hoelle.</p>
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		<title>Von Stalins Reinkarnation, Heiligen, Halbgoettern und Honda Heroes</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 03:29:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Goetter, Heilige und Helden &#8211; kein Tag in Indien vergeht, ohne dass man ihnen begegnet. Die grossen Tempelanlagen beherbergen einen ziemlich grossen Pantheon. Von Shiva ueber Vishnu und Ganesha bis zu Meenakshi, der fischaeugigen Goettin mit drei Bruesten, &#8211; man findet hier alles. Hier segnet nicht der Priester sondern der Tempelelefant, mit seinem Ruessel gibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Goetter, Heilige und Helden &#8211; kein Tag in Indien vergeht, ohne dass man ihnen begegnet.<br />
Die grossen Tempelanlagen beherbergen einen ziemlich grossen Pantheon. Von Shiva ueber Vishnu und Ganesha bis zu Meenakshi, der fischaeugigen Goettin mit drei Bruesten, &#8211; man findet hier alles. Hier segnet nicht der Priester sondern der Tempelelefant, mit seinem Ruessel gibt letzterer seinen Segen gegen eine Silbermuenze. Aus dunklen Nischen schauen uns schwarze von Butter glaenzende Goetzen entgegen. Die Glaeubigen streichen sie mit Butter ein oder entzuenden an ihnen Ghee (butteraehnliche Fluessigkeit). An den manchmal unfoermigen Goetztenleibern kleben bunte duftende Blumen &#8211; Jasmin und Ringelblume. So laechelt uns manchmal ein vergnuegter schlanker Shiva im Halblotussitz aus seiner Hoehle zu und manchmal ballt sich uns eine konturlose staemmige Masse aus dem oeligen Dunkel entgegen. Die Luft ist feucht, wenn sich viele Menschen im Tempel bewegen. Die Masse bewegt sich konvulsiv auf das immer enger werdende zentrale Heiligtum zu. Das Gemurmel, die gesungene Formel wird eingehender. Soviele Menschen, dass es unmoeglich ist wieder umzukehren. Langsam immer einen Schritt naeher zur kleinen Oeffnung, zum Shiva Lingam, einem schwarzen phallusartigen Sockel, mit Blumen behaengt, Shivas potentativer Repraesentant. In meinem Bauch zieht es sich zusammen. Es ist feucht und eng. Schweiss tritt aus allen Poren. Ein bisschen Luft &#8230; Wir sind aus der Schlange herausgetreten. Ein Seiteneingang auf der Hoehe des Heiligtums erlaubte uns &#8220;von aussen&#8221; nochmals einen Blick ins Heiligtum zu werfen. Ich kann es noch nicht so richtig, Teil der Menge, der Masse sein. Ich wuenschte mir hier manchmal herausgehoben zu werden. Wie frueher waehrend der Chilbi oder der Fasnacht, als mein Vater mich aus der Menge zog und auf seine Schultern setzte.<br />
Von den Goettern nun zu den Heiligen: Der Unterschied ist mir nicht immer so klar, zumal Goetter genauso in Bild und Figur Verehrung finden wie die Abbildungen der sogenannten Sri Aurobindos, Ammas und Mothers. Amma bewirtschaftet mit ihren taeglichen Umarmungen weltweit und lokal ein ganzes Ashram in der Naehe von Alappuzha. Dort sind wir mit dem Boot vorbeigefahren. Unter Ashram hatte ich mir eine abgelegene Herberge, etwas Klosteraehnliches, vorgestellt. Der riesige rosa Hotelbunker wirkt dank multiplikativer Zellenstruktur leicht berechnend. Amma war damals gerade auf Dienstreise (hier das wunderbare russische Wort komandirovka). Trotzdem standen viele Schwerbepackte Rucksacktouristen am Quai, kommend oder gehend. Mit oder ohne inniger Umarmung der ewig muetterlich Laechelnden.<br />
Jenseits des Mamikomplexes steht die Manifestation einer starken Vaterfigur. Dieser Vater strahlt von jeder Hauswand in jeder Stadt, in jedem Dorf. Er umarmt die Kinder, lacht beherzt, laeuft im schneeweissen Hemd und Lunghi auf den Betrachter zu, umgeben von einer regenbogenfarbenen Aura. Es gibt Leute, die habens. Und er habe sogar den richtigen Namen, so meinen manche. Vaeterchen Stalin, bekannt als M.K. Stalin Deputy Chief Minister von Tamil Nadu, Angehoeriger der staerksten Partei DMK (Dravida Munnetra Kazhagam &#8211; Dravidian Progress Federation). Nomen sei Omen. Oder man geht von Wiedergeburt aus: Josef Stalin erfuhr 1953  in Tamil Nadu folglich seine Reinkarnation. Merwuerdigerweise geschah dies am 1. Maerz, also vier Tage vor seinem Todestag. Wie dem auch sei: Heute, 2. Maerz, war jedenfalls in allen Zeitungen von den Geburtstagsfeierlichkeiten des beliebten M.K.S. zu lesen. Offensichtlich waltete er auch an seinem Geburtstag seines Amtes: In den Zeitungen sieht man Photos vom Besuch einer Schule. Ich verstehe tamilische Politik nicht, doch es scheint mir, dass bis auf Schnauz und Vaterkult keine weiteren Parallelen zu seinem frueheren alter Ego bestehen. Reinkarnation auf hoehere Stufe? Ach was, eine Muecke. Stalin ist bloss eine Muecke, eine von mir.<br />
Hinter einer Vaterfigur steht nicht selten eine weitere, in M.K.s Fall ein wohl autoritaerer Politikervater. Und so reihen sich neben den Matrjoschkas die nicht minder reproduktiven Papjoschkas oder Paterjoschkas.<br />
Neben den PolitikerInnenikonen existiert ein Priesterstand. Sie erteilen unter anderem den sterblichen Helden den Schutzsegen, bevor diese in die Strassenschlacht ziehen. Der heutige Held heisst nicht mehr Rama, sondern Honda Hero. Schnell, flink und mit einer goldenen Hupe bestueckt, teilt die Honda taeglich das Stadtgewuehl. Nicht genug, dass vor den ersten Spritzfahrten eine Pruefung abgelegt werden muss, die Maschine muss vor allem auch einen Schutzsegen empfangen.<br />
So liess ein Mann im Bergort Munnar (Staat Kerala) seine Honda segnen. Ein Priester brachte ein Feuer und wandelte einige Male um das Motorrad. Mit hellem Sandelholz und rotem Puder versah er die mechanischen Chakren der Maschine mit Punkten. Der Eigentuemer sass danach flankiert von einem Freund, der die Haende zum Gebet faltete, auf sein Motorrad und erholb den Blick zum Elefantengott Ganesha im Dachfirst des Tempels. Der Priester versah das Motorrad mit einem Blumenkranz und legte unter jedes Rad eine gruene Limone. Nun bat er den Eigentuemer Gas zu geben und ueber die Limonen zu fahren. Der Motor brauste auf, die Limonen spritzten. Und dann fuhr er von dannen, der frisch gebackene Honda Hero.</p>
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		<title>What you want?</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Mar 2010 18:48:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[In Indien wird man viel gefragt. Der suedindische Fragenkatalog ist leider furchtbar monoton und toleriert keinerlei Abweichungen. Ich kann nicht mehr sagen, wie vielen Schulklassen ich geduldig meinen Namen klar und deutlich genannt und brav meine Nationalitaet preisgegeben habe, bis ich mir schon bloed vorkam. Taeglich diese Fragen an Indienreisende. Auch von Erwachsenen: komischerweise dann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In Indien wird man viel gefragt. Der suedindische Fragenkatalog ist leider furchtbar monoton und toleriert keinerlei Abweichungen. Ich kann nicht mehr sagen, wie vielen Schulklassen ich geduldig meinen Namen klar und deutlich genannt und brav meine Nationalitaet preisgegeben habe, bis ich mir schon bloed vorkam. Taeglich diese Fragen an Indienreisende. Auch von Erwachsenen: komischerweise dann ganz sachlich kurz und knapp: &#8220;Your name? Country?&#8221; und dann kehren sie sich um und gehen. Als ob sie Statistik fuehren wuerden, sagt David. Da gibt es nicht mehr zu verstehen und selber fuehlt man sich auch nicht besser verstanden. Das sind die fluechtigen Beruehrungspunkte in Tempelstaetten, Museen und Parks. Ich frage mich, ob wir vielleicht sowas wie eine Freizeitattraktion sind. Den ganz Kleinen wird schon gesagt, &#8220;komm geh hin und sag Hi, what is your name. Geh schon, los, los.&#8221; Und die kleinen schuechternen Toddler wackeln mit Windelbeinchen auf die gutmuetigen laechelnden Clowns  zu, strecken ihr mit Reifen geschmuecktes Aermchen aus, reichen uns das weiche Haendchen zur Frage &#8230;	What you want?  Zweifelsohne eine der letzteren Fragen, die man in Indien zu hoeren bekommt in der Reihe: What&#8217;s your (good) name? Coming which country? Die Frage, danach, was man will, bewegt sich meistens auch in einer gewissen Skala oder einer Ansammlung von (wahren/falschen) Alternativen. In dem Teeplantagenstaedtchen Kumily fragten wir nach moeglichen Touren durch den Nationalpark. Die Dame im Office klappte daraufhin einen Prospekt auf, tippte mit dem Kugelschreiber kurz auf die Bilder und sagte: &#8220;This, this and this we have, this one not. What you want?&#8221; Eine Glacekarte. Man kann sich nicht ganz zwischen Erdbeer und Vanille entscheiden. Vielleicht kann man etwas kombinieren? &#8220;No, no. Fix price.&#8221; Grenzen von Kommunikations- und Kombinationsmoeglichkeiten &#8211; das wird zur spielerischen Herausforderung. Ein vergnuegter aelterer Wirt fragt uns in einem der typischen &#8220;100% Pure Veg-Restaurants&#8221;:  &#8220;Coppee (Coffee), Milktea, Tea?&#8221; Wir entscheiden uns unisono fuer &#8220;Milktea&#8221; und bestaetigen nickend. Er guckt etwas lustig, wackelt mit dem Kopf und verschwindet in der Kueche. Nach fuenf Minuten bekommen wir eine heisse Tasse Milch. Daraufhin schaut uns der Mann ganz pruefend an, im Sinne von &#8220;Was sagen sie jetzt?&#8221; Nach einem sehr langen heissen Tag mit Wandern, Tempeln anschauen und Busfahren, war ich derart muede, dass ich von zuerst kicherte und dann laut lachte und ich mich kaum beruhigen konnte. Der Mann fing auch zahnlos an zu lachen, wackelte mit dem Kopf und schlurfte gemuetlich zurueck in die Kueche. Die Milch schmeckte sehr gut.<br />
Die Frage &#8220;What you want&#8221; ist der Ausgangspunkt fuer ein Geschaeft.<br />
Ich moechte eine Limca, eine suesse Limonade in der Flasche, ein Masala Dosa, einen Lime Juice, einen Sappotha Shake, einen neuen Shalwar Kameez, ein Zimmer unter 500 Rupees, ein Reliance USB Modem, zu dem oder jenem Tempel fahren, mich waegen im Restaurant, Yoga machen, einen Liter Wasser, in die Natur raus, meditieren, Martini Dry, auf die naechstbeste Toilette, das Ramayana lesen, einen Zug nach irgendwo.<br />
Hinter der merkantilen Frage laechelt es mir hie und da ganz unverbluemt entegegen &#8220;Was willst du hier eigentlich?&#8221; Jeden Tag ein vielbevoelkerter Film, quasi ab Breitband. Er spult sich vor meinem Auge ab und ich soll da irgendwo drin mitspielen. Staubiger Landschaftsfilm in toenernen Farben im Busfenster, hingegen farbenstarke Momentaufnahmen mit Tiefe auf Stadtspaziergaengen ohne Ziel. Fokus auf die Hand der Frau, die den Jasmin zu langen Haarschlangen bindet, auf den braunen faltigen Ruecken einer pilgernden Greisin, auf das heilige Tempelinnere, den Shiva Lingam, auf das dritte rote Auge auf der Stirn oberhalb eines eindringlichen Blicks. Blick auf Oberflaechen: Wandstrukturen, Saris aus Seide und Baumwolle, goldene Borduren, meterlange schwarze Zoepfe, rissige Fuesse, weisse Kraegen, pinkfarbene Busse, ein grosses mit Gold verhaengtes Schmuckgeschaeft. Wir wollen den Fuss reinsetzten. Wo sind wir da drin? Mitten drin in der pilgernden Menge, unversehens mit einem Buttertoepfchen in der Hand, das mit der heiligen Flamme vor dem Elephantengott Ganesha angezuendet und als Gabe dargebracht wird. What you want? Was suchst du hier? Ich suche keine Erleuchtung, keine Weisheit, keine Verbesserung, nein &#8211; nichts dergleichen. Wir gehen hier nur einmal hindurch und gruessen dabei vielleicht auch den Goetzen. Wir sind drin und doch draussen. Es gibt wohl kein zweites Mal hier, nicht fuer uns. Gewisse Wege geht man einfach nur einmal. Ein bisschen reisen wir unseren Vorstellungen hinterher, dann kommen wir an, verweilen, leben den wahren Moment das einzige Koernchen, das wir als heilig schaetzen koennen, und reisen weiter. Eine Masche ist somit gestrickt, und es folgt die naechste. Wir stehen vor der dichten beinahe dampfenden Menge, vor unerstickbarem Strassenlaerm&#8230; What you want? Wir wollen hindurch. Wir wollen das unsichtbar gestrickte Kleid. Wir wollen sowas wie im Maerchen: des Koenigs unsichtbare Kleider. </p>
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		<title>Train Kochi-Kollam on Platform 4 (maybe)</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Feb 2010 16:18:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir standen frueh auf, um den Zug von Ernakulam nach Kollam zu erwischen. Zuerst assen wir etwas, dann gingen wir zur Faehreanlegestelle, um nach Ernakulam ueberzusetzen, nahmen von der Anlegestelle aus eine Rickshaw zum Bahnhof. Der Zug fuhr unseres Wissens um 10.10. In Wirklichkeit fuhr er um punkt 10 Uhr. Unser desorientierter Lauf auf der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir standen frueh auf, um den Zug von Ernakulam nach Kollam zu erwischen. Zuerst assen wir etwas, dann gingen wir zur Faehreanlegestelle, um nach Ernakulam ueberzusetzen, nahmen von der Anlegestelle aus eine Rickshaw zum Bahnhof. Der Zug fuhr unseres Wissens um 10.10. In Wirklichkeit fuhr er um punkt 10 Uhr.  Unser desorientierter Lauf auf der Ueberfuehrung, die Anzeigetafel funktionierte nicht, wurde von kurzen Infogespraechen unterbrochen: &#8220;Excuse me Sir, do you know from which platform the train to Kollam leaves?&#8221; &#8211; &#8220;Where to?&#8221; &#8211; &#8220;Kollam&#8221;. &#8211; &#8220;?&#8221; &#8211; &#8220;Aehm, Qollaam? No? You don&#8217;t know? Kollaem? Ah wait: Gollam&#8230; Gollmmm &#8230;&#8221; &#8212; &#8220;Ah! Qollmmm! Yes, track four.&#8221; &#8211; &#8220;Thank you very much.&#8221; Mit track four war leider nichts, doch wenigstens wussten wir jetzt genau, wie man die Ortschaften auszusprechen hat. Wir verbrachten einige Stunden lesend, essend und beobachtend am Bahnhof. Da wir nicht reserviert hatten, stiegen wir in den Wagen, der fuer alle diejenigen ist, die eben nicht reserviert haben. Das sei gewoehnlicherweise nur ein Wagen in der ganzen Wagonreihe. Natuerlich war der Wagen zum Bersten voll, und zunaechst standen wir im Gang. Da die Tueren stets offen sind, kann man sich da aber gemuetlich hinsetzen, wenn man sich gut festhaelt. Die Zugfahrt dauerte gut drei Stunden. Wir fuhren an Reisfeldern vorbei, Einfamilienhaeuschen in den Palmenwaeldern. Nach drei Stunden waren wir nach dem langen Stehen und vielen Schauen etwas ausgelaugt. In Kollam assen wir am Bahnhof ein Masala Dosa und tranken Tee. </p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/02/IMG_2250-1024x682.jpg" alt="Kollam" title="Kollam" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-185" /></p>
<p>Kollam ist eine kleine Stadt voller Geschaefte. Ich weiss nicht, wie ich Kollam beschreiben koennte: Es wimmelt so sehr von Werbung und Plakaten, blassblauen Shivas und zwinkernden Lakhsmis, dass ich die Stadt, die Haeuser fast nicht sehe. Da sind wuchernde Staende, aus denen Bananen quellen. Dort ein Kardamombuero, dort ein Reisbuero, dort ein Plastikeimergeschaeft. Mit den Bueros meine ich eigentlich einfach Haendler. Das Reizvolle an ihnen finde ich den Touch von Kanzlei oder Kontorei. Ein Mann sitzt hinter einem schweren hoelzernen Pult. Vor ihm eine kleine Kupferwage mit Gewichten. Auf dem Tisch sind Reissorten oder eben verschiedene Mahlgrade Kardamom ausgelegt. Mit meist einer schweren Hornbrille auf der Nase beraet der Haendler fachmaennisch seine Kunden. Dieses Freiluftbuero, wo der Ventilator Kardamom in die Luft wirbelt, besticht mich mit seiner sanfen Buerokratie. Ueberall liegen die schweren braunen Registraturbaende, sei es fuer Reislieferungen, Kaffeetransfer, Touristen. Die indischen Archive muessen riesig und unterirdisch angelegt sein. Kollam: schlafende Rickshawfahrer, ein Liebespaerchen heimlich auf dem Ruecksitz eines weissen Mahindra Ambassador unschuldig am Turteln, alte Maenner mit 60kg Reissaecken auf dem Fahrrad, ueberall Ladenbesitzer, die vor ihrem Laden mit Enkelkind auf dem Arm im weissen Lunghi auf und ab gehen.<br />
In Kollam selbst blieben wir nicht, sondern es verschlug uns auf eine Insel. Eigentlich keine Insel, doch irgendwie schien diese Landzunge aeusserst inselhaft. In einem etwas abgetakelten Ferienressort stiegen wir fuer zwei Naechte ab. Die Farbe blaetterte etwas, und das pastellfarbene Jesusrelief auf dem Bootshaus hatte bestimmt schon leuchtendere Zeiten gesehen. Doch gerade vielleicht deswegen, wegen des abgetakelten Kitsches, wie der riesigen fast nicht zumutbaren  nackten Nymphe am &#8220;Inselkap&#8221;, war das alles reizvoll. Zwei Jungs, kaum aelter als 20, schmissen den Laden ganz selbstverstaendlich. Der Aeltere war stets am Kochen, der Juengere besorgte den Rest. Zwei sehr aufgeweckte Menschen, die es sichtlich genossen in ihrem kleinen Imperium. In diesem Auslauefer der Backwaters sind sehr viele kleine Fischerboote unterwegs. Abends werden Netze ausgeworfen und im Dunkeln dann wieder herausgezogen. An einem Morgen fuhren wir mit einem solchen schmalen Boot, nicht breiter als ein Baum, rueber nach Kollam.<br />
Einen Tag verbrachten wir damit, einfach durch die angrenzenden Ortschaften rund um Kollam zu spazieren und ein bisschen weiteren Alltag einzufangen. Losverkaeufer, Laeden, Mann mit Leiter, Motorraeder, ein roter Sari, ein gelber Sari, ein hupender Bus, tausend hupende Busse. Ein Bus namens Vishnu, ein Bus namens Goods Carrier, ein Bus namens Good Sheperd. Es geht gegen Mittag zu. Es ist feucht &#8211; aber schattig wenigstens &#8211; unter diesen vielen Palmen. Ein Feld mit ein paar Kuehen und den weissen Fischreihern, von denen man oft einen neben einer Kuh sieht. Es scheint, als ob er die Kuh den ganzen Tag begleite. Tueppig, wir gehen sehr langsam. Irgendwo steigen wir in eine Rickshaw, um fast alles wieder zurueckzufahren ins Zentrum. Kollam. Kein Wind, tueppig und stickig. Im Indian Coffee House wird mir ab den flimmernden Schatten der Ventilatoren an den Waenden ganz schwindlig. Die tuerkis Oelfarbe an den Waenden beisst sich ploetzlich mit den knallroten Plastikstuehlen. Trinken. Raus. Bald ist es bessser. An der Faehranlegestelle stinkt es, wenn keinw Luft geht. Alle Frauen zuecken ihr Taschentuch &#8211; und ich auch. So ein Tuch ist ganz praktisch manchmal. So schoen die Backwaters sind, an manchen Orten drueckt ein dumpfes Grauen aus dem trueben Wasser empor. </p>
<p><img src="http://sarah.sudo.ch/wp/wp-content/uploads/2010/02/IMG_2448-1024x682.jpg" alt="Kollam - Alappuzha Ferry" title="Kollam - Alappuzha Ferry" width="541" class="aligncenter size-large wp-image-187" /></p>
<p>Am naechsten Tag dafuer, heiter und unbewoelkt, atmet es sich wieder freier. Am Vormittag stiegen wir in die Faehre nach Alappuzha. Beinahe acht Stunden verbrachten wir auf den Backwaters mit zwei kuerzeren Pausen, wo wir sozusagen an einer Schiffsraststaette, einem kleinen Holzhuettchen Rast machten. Dor gab es dann hurry hurry ein Thali auf dem Palmblatt. Gegen Ende streckte sich die Fahrt ein bisschen. Als das gruene Schild Allapuzha 6km verhiess, ahnten wir nicht, dass das 3 vor der 6 weggekratzt war. Eine Stunde lang staunten wir, wie lange 6km auf einer Faehre dauern koennen, bis wir den Verdacht schoepften, dass die Angabe wohl hinfaellig sei. Auf einer unserer Fotos entdeckte ich den Abdruck der 3 und die 36km leuchteten ein.														 </p>
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		<title>Sich verlustieren in Cochin und Kochi</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Feb 2010 16:51:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Acht Uhr abends in Kochi. Mit meiner Mini Nerd Computer Installation (Tastatur und iPhone als Minibildschirm), irgendwie slapstickartig, sitze ich vor dem Haus von Sir Thomas, der uns ein Zimmer vermietet. Drinnen laufen die Fernseher, irgendwo laeuft Wasser, aus dem gegenueberliegenden Hof dringt familiaeres Gelaechter zu mir herueber. Entfernt hinter mir hoere ich David, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Acht Uhr abends in Kochi. Mit meiner Mini Nerd Computer Installation (Tastatur und iPhone als Minibildschirm), irgendwie slapstickartig, sitze ich vor dem Haus von Sir Thomas, der uns ein Zimmer vermietet. Drinnen laufen die Fernseher, irgendwo laeuft Wasser, aus dem gegenueberliegenden Hof dringt familiaeres Gelaechter zu mir herueber. Entfernt hinter mir hoere ich David, der duscht. Es ist und war sehr heiss. Die letzten Tage lassen sich sehr einfach beschreiben: wir versuchen einem Hitzeritual zu folgen. Morgens frueh aufstehen &#8211; was uns bisher leidlich gelingt, denn die Naechte sind hart gebettet und laut &#8211; in ein Kaffee, um ein Idly zu essen. Ein sog. Idly gab es bisher noch nicht &#8211; ein solcher Name macht mich neugierig, ich stelle mir irgendwas Ueberraschendes vor, etwas verrueckt Buntes IDLYYYYY-  dafuer ein Appam. Reisomelettes, wuerde ich sagen, mit einer scharfen Sauce mit Kokosnuss und bestimmt Chili. Zwei Kaffees, Curt and Fruits und ein sweet und ein plain Lassi. Soviel zum Vormittag. Wir besuchen portugiesische Kirchen und gehen Barfuss um das Grab von Vasco da Gama, der seit einigen hundert Jahren hier nicht mehr liegt. Mir faellt ein, dass die Ueberreste des ehemaligen Vizekoenig von Indien nun in Lissabon im Monasterio de los Jeronimos liegen; die portugiesische Kolonialmacht schlaeft unter gut verschlossenen Deckeln, vielen schweren Grabplatten. Das grosse maechtige Portugal ruht zwischen dicken Buchdeckeln in einer palastartigen Lissabonner Bibliothek. Laengst waechst Gras drueber und Flechten heften sich an die Inschriften. Portugal der ehemalige Global Player, diese Zeit ist unnahbar und doch laeuft man diesen Spuren entlang. Ganze Schulklassen werden zum portugiesischen Seefahrer gefuehrt. Wir gehen im Zickzack oder in Kringeln durch Kochi, zu Fuss oder in der Auto Rickshaw. Strassenhaendlerinnen verkaufen geometrische Schablonen, womit man mit Kugelschreiber schoene Muster Zeichnen kann. Ja, wir bewegen uns hier anders. Langsam, rund, ruhig. In Kringeln. So als wuerde man traege versuchen die Schrift Malayalam nachzutanzen. Wir imitieren die Bewegungen der Menschen hier. Unsere Koepfe kippen von rechts nach links, wenn wir zustimmen und auch, wenn uns etwas sehr gefaellt. Dazu die luftigen Kleider. Ich komme mir vor wie ein grosser bunter Luftballon. Die Frauen sehen hier aus wie Schmetterlinge, nein, wie Prinzessinnen. Hier darf mancheine ihre Prinzessinnentraeume ausleben. Die kleinen Maedchen schoepfen hier aus dem Vollen. Rosa Rueschenkleider, die bei uns in Fastnachtskisten bis auf Februar warten, werden hier fuer Schul- und Tempelausfluege angezogen, ebenso unzaehlige Armbaender und Ketten, dass es nur so klimpert. Wo wir bei Schmetterlingen sind &#8211; die gibt es auch. Bei ihrem Anblick faellt mir das Wort Sommervogel ein. Sie sind grosse schwarze Falter mit rotem Punkt auf den Fluegeln und kleinen Fluegeln unterhalb den grossen &#8211; eine Art Heckflosse.<br />
Sie verharren fliegend im Stillstand, so dass man herumgehen und sie anschauen kann. Am liebsten moechte man sie fangen. Nie uebers Herz zu bringen &#8211; sie zu sammeln. Nachmittage verstreichen mit Safttrinken. Lesen. Ich teile die hitzigen Nachmittage momentan mit denen Bukowskis, die er in seinen Geschichten in einem gottverlassenen Mexiko verbringt, im Enddarm des amerikanischen Traums, wo er sich eigentlich meistens befindet. Der gute alte Spinner. Ein Chinasky. Der ist jetzt, wohl nicht zum ersten Mal, in Buchform nach Indien gereist.<br />
Vier Uhr. Wir brechen auf zur Yoga Stunde an der Beachroad Junction, einer Schule im Haus eines Yogis. Yogi Abe, Abraham, unterrichtet seit vielen Jahren und reist mit seinem ganzen yoginischen Witz und Geist durch die Weltgeschichte, um den Leuten die Asanas beizubringen sowie das lebensnotwendige &#8220;relaaaaaax and breeeeeathe&#8221;. Wir moegen ihn so sehr, dass wir eine CD seiner gesprochenen Lessons gekauft haben, um seinen stets gleichen gesungenen Saetzen zu folgen: &#8220;slooow deeeeep inhalatiooooon&#8221;. Wir sitzen in einem durchraeucherten Raum mit Sicht aufs Meer und machen the tree, stehen auf einem Bein mit erhobenen Armen, beugen und dehnen uns zu einem rainbow, schaukeln bauchlings vor und zurueck mit den Fussgelenken in den Haenden, wagen es den stolzen Peacock nachzuahmen und versuchen unsere horizontale Koerperlaenge auf unseren Haenden zu balancieren. Da dies schwierig ist, ahmen wir erfolgreicher die Kraehe nach und kippen unseren zusammengekauerten Koerper nach vorne auf die Ellbogen und tragen unser Eigengewicht mit den Haenden. Ja, ich scheine etwas zu prahlen. Die ferne Stimme von Pater Zapf, meinem Deutschlehrer, ruft mir die aesopsche Maxime in Erinnerung: Hic Rhodos, hic salta! Hier ist Rhodos, vollfuehre also hier deinen Sprung! So wurde ein antiker Prahlhans einst auf griechischem Festland fuer seine athletischen Erlebnisse auf der fernen Insel geruegt. Gut, gut. Genug der Geschichten, ein kleiner yoginischer Beweis wird schon noch folgen.<br />
In der letzten Yogastellung, der des toten Mannes, entfliehen nach zwei schweisstreibenden Stunden die Geister. &#8220;Feel freeeeeee like a float. You are floating on a wide rivaaaaa&#8221;, singt uns der Yogi. Ich bin ein schwerer gegabelter Ast und treibe in der Aare. Ja, &#8220;der&#8221; Fluss ist bei mir prototypisch. Was fuer die Inder der Ganges sein muss, ist fuer mich die Aare. Oh Endoooo (Endo Anaconda/Stiller Has), wie schoen koenntest du mit Yogi Abe mitsingen: de schoene blaaaue Aaaaare naaaah, ooooooom. Pantha rhei, ich sehe blau und bin schon eingeschlafen. Weggespuelt. Abe setzt mit Gesang ein, und ich erwache gurgelnd. David kichert neben mir.<br />
Ganz hungrig steigen wir in eine Rickshaw und fahren in die Palace Road, in der Naehe des ehemaligen suedindischen Koenigspalastes. Dort ist das Krishna Cafe.<br />
Das Essen fuehlt sich ganz anders an, wenn man mit den Fingern essen kann. Saucen, Yoghurt &#8211; praktisch alles mit den Haenden, und Chappati und sonstigen Fladen natuerlich. Im Hinterhof sind mehrere Maenner zu Werke. Einer spuelt den Hof, in der Kueche sind sie am Schneiden, Haeckseln, laut am Reden, Umschuetten, es dampft und tropft. Alles ist einfach und nicht verborgen. Es erscheint mir vieles hier in selbstverstaendlicher Weise ehrlich. Am besten gefaellt mir dabei fast die Waage ausgangs des Restaurants: vor dem Gehen waegen sich dort gegen ein paar Rupees die meisten Frauen. Die moechten wohl wissen, wieviel sie nun gegessen haben? Dieser gesundheitliche Check ist vielleicht in besonders guten Restaurants beliebt?<br />
Abende. Plaudern mit einem Jungen, der hier im Haus scheinbar etwas mithilft und eigentlich einfach meistens &#8220;da&#8221; ist. Ein lieber etwas schmachtender Juengling, der meist irgendeiner Gaestin nachtrauert und dramatische suedindische Telenovelas schaut mit aehnlichen Motiven. So zaehlen auch wir zu den unzaehligen Bekanntschaften, die er so aufrichtig lieb beraten hat.<br />
Auch jetzt ist es wieder Zeit, sich langsam ins Bett zu legen. Die Maedchen aus dem Nachbarhaus singen schon im Chor miteinander ihr Abendlied. Aus voller Kehle singen sie. Jeden Abend. Beeindruckend. Ich bin nicht muede. Wir sind abends nie muede, nur morgens. Die ganze Nacht haben wir nur, um zu schlummern. Der Schlaf kommt erst gegen Morgen. Zwischen Schlummer und Schlaf kommt Hundegebell, Kraehen, streitende Katzen, fruehe exotische Voegel, die heulen und der Muezzin. Der Schlaf kommt klatschend, dank des kontinuierlichen Rhythmus des Waescheklopfens.<br />
Doch morgen werden wir das nicht mehr hoeren. Mit den Voegeln verlassen wir das Nest, um den Zug nach Kollam zu erwischen. Wir fahren suedwaerts noch weiter in die Backwaterregion, um am Ende wieder zurueck ueber Alappuzha und Kochi gen Norden zu reisen.<br />
Jetzt sticht mich die letzte Moskito fuer diesen Abend. Gute Nacht. </p>
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		<title>Die Reise begann beinahe unbemerkt</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 10:12:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kochi - Irkutsk 2010]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Schweiz sind wir eingeschlafen, in Indien sind wir aufgewacht. Beinahe unbemerkt sind wir nach Suedindien gereist. Wobei unbemerkt vielleicht der falsche Ausdruck ist. Wir sind mit einer Selbstverstaendlichkeit hierher gereist, die mich an Traume erinnert. Wie oft sprang ich in Traeumen auf ein merkwuerdiges Luftschiff, ohne zu hinterfragen, wohin ich eigentlich reisen moechte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Schweiz sind wir eingeschlafen, in Indien sind wir aufgewacht. Beinahe unbemerkt sind wir nach Suedindien gereist. Wobei unbemerkt vielleicht der falsche Ausdruck ist. Wir sind mit einer Selbstverstaendlichkeit hierher gereist, die mich an Traume erinnert. Wie oft sprang ich in Traeumen auf ein merkwuerdiges Luftschiff, ohne zu hinterfragen, wohin ich eigentlich reisen moechte und was fuer ein merkwuerdiges Vehikel mich da forttraegt. Mit also einer eigentuemlichen traumaehnlichen Ruhe bestiegen wir eines der weltbekannten Luftschiffe des Emirs von Dubai. Ein paar Stunden sassen wir in diesem extraterrestrischen Raum, sinnierten, lasen, stellten uns vor, schliefen, traeumten von irgendwas. In der Ferne ein starkes Gewitter. Manchmal sieht man im Blitzlicht Saudiarabien aufblitzen. Ansonsten Dunkelheit. Einige Stunden spaeter der Flughafen von Dubai. Ploetzlich viele Leute. Die Lautsprecher verbreiten saeuselnde Frauenstimmen, deren Fluginfos sich wie erotische Angebote anhoeren. Arabien bei Nacht, an einem Flughafen. Ein Maerchen einer Nacht im Jahr 2010. Geheimnisvoll wirken sie so spaet in der Nacht, die Verschleierten und Vermummten. Von ihnen gibt es viele. Goldige Schuhspitzen funkeln auf unter dem schwarzen Tuell. Glitzernde Pailleten. Verhuellung soll vor neugierigen Blicken schuetzen, doch mich macht sie eigentlich erst recht neugierig. Merkwuerdig, wie ich sie zugleich verachte und doch igendwie wieder bestaune. Was muss so sicher verborgen werden? Es muss doch etwas sehr Wertvolles sein, was sich fremden Menschen nur anhand eines Blickes oder  der Bewegung im Stoff offenbart. Hat da unter dem Schleier gerade jemand schallend gelacht? Ueblicherweise schaue ich diese Frauen an wie geisthaft Entkoerperte. Sie sehen mich. Ich sehe sie und sehe sie nicht. Im Daemmerzustand male ich mir wunderschoene unglueckliche Prinzessinnen aus. Sie leben in Gefangenschaft, nicht jedoch bei einem schnarchenden Drachen oder eifersuechtigen Riesen, sondern in einem Selbst, das sich wie ein Geist im Vorhang zeigt. Zurueck am Flughafen.<br />
Ganz viele suedindische Familien sitzen bereits am Terminal mit Kleinkindern, die sich ab soviel neuen Bekanntschaften freuen. Wir warten und eine Stimme aus Muenchen kommt sogar hierher, der Text beziehungsweise. Hat man einmal den Deckel des Computers geluepft, schon wird man von fernen erfreulichen Stimmen eingeholt, unterwegs in der closed area. Eine kleine Geisterbeschwoerung &#8211; und meine Freundin Sybille sitzt ploetzlich an unserem Tisch. Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis wir mit Hologrammen kommunizieren, mit unseren Abbildern, mit  Entkoerperten, Geistern. Die Lautsprecherdurchsage. Eine grosse Menge erhebt sich. Kinder erwachen. Auf ein neues Luftschiff. Man hat uns in die Businessclass umgesetzt. Hier fuehlt man sich gleichermassen umsorgt und hiflos wie ein Kleinkind. In grossen Sesseln sitzt man, und bevor das Tablett mit dem Essen gereicht wird, wird ein Tischtuch ausgebreitet. Drei Stunden mit ein bisschen Doesen und Essen. Ich muss die Stewardess bitten, mir die Sachen wegzunehmen, damit ich aufstehen kann. Die Stewardess kommt mir vor wie eine Nanny aus einem Kinderbuch. Ich kann mich nur nicht erinnern aus welchem. Neben uns sitzt ein Inder, der uns waehrend des Essens von seinem Leben in Dubai als Geschaeftsmann erzaehlt. Der Flug dauert zu wenig lang, um zu schlafen. Schon wird es hell. Die Nacht ist nach vier Stunden bereits vorbei. Unter dem Dunst sehen wir Palmen. Unwirklich. Doch tatsaechlich &#8211; grosse, lange, gebogene Palmen. Die Raeder werden ausgefahren, wir sinken, sinken und rollen durch eine gruene Ebene. Kochi. Es ist heiss. Ueberall ist es erstaunlich ruhig. Gemuetlich fahren wir mit einem Taxi in die Stadt. Ein Geruch, der mir nicht ganz unbekannt vorkommt, mich aber doch wie neu ueberrascht, kommt entgegen. David erkennt ihn gleich wieder. Wir sind muede, wahnsinnig muede. Im Zimmer, das wir mieten, legen wir uns hin und schlafen unter lautem Kraehengekraechz und Ventilatorwind ein. Ich traeume von Kochi. Wir laufen durch die Gegend und schauen uns Staende an. Es kommt sogar zu einer lauten Auseinandersetzung mit einem Guesthousebesitzer. Es ist heiss, ich drehe mich auf die weniger klebrige Seite und denke &#8220;noch ein bisschen von Indien traeumen, bevor ich hier wieder mitten im Winter oaufwache&#8221;. Verdutzt wachte ich aber in Indien auf und war somit endlich angekommen.  </p>
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		<title>Mandelstadt</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Nov 2009 10:44:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In der dünnen russischen Winterluft findet die Schwalbe im Flug keine Nahrung. Ihre Lieder werden zu fallendem Eis und zerplatzen stumm wie Feinglaus auf der Erde. Die Schwalbe flieht den Norden und den Schwarm, krallt die Schwalbenfüsse in warme süditalienische Erde und schlägt Wurzeln in Neapolis, der Stadt der Granita a Mandorla, süss, theatralisch, mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der dünnen russischen Winterluft findet die Schwalbe im Flug keine Nahrung. Ihre Lieder werden zu fallendem Eis und zerplatzen stumm wie Feinglaus auf der Erde. Die Schwalbe flieht den Norden und den Schwarm, krallt die Schwalbenfüsse in warme süditalienische Erde und schlägt Wurzeln in Neapolis, der Stadt der Granita a Mandorla, süss, theatralisch, mit offenen Geheimnissen. «Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein», die schwachen Lungenflügel schlagend. Das war damals, als das Luftholen auch im Stadtzentrum Wohltat war. Heute verdichtet sich Lärm und ätzender Gestank der Vespen zu Schwindel und einem eigentümlichen Krampf oberhalb der Nasenwurzel. So, dass man fürchtet, dass einem noch der letzte Gedanke an vergangenen Traum herausgerissen wird. In einem Traum habe ich dich nämlich in Neapel gesehen. Ich habe die Statuen, die Aggrippina im Museum gefragt, ob sie dich auch gesehen haben. Es scheint, sie können sich nicht recht an dich erinnern, aber selbst eines blaugelb gekleideten Dichters mit Aquarellblock können sie sich nicht mehr entsinnen. Vieles rauscht an diesem glatten, geschliffenen Marmor vorbei. Im Traum zumindest habe ich dich in Neapel gesehen. Du warst zum Neapolitaner mit Knollennase geworden. Du hast dich sichtlich hier niedergelassen: Nichts mehr zu sehen von deiner Flüchtigkeit. Du verlagerst nur noch deine körperlichen Schwerpunkte – aus der kleinen Dichterwohnung in die Bar um die Ecke, wo all die anderen Männer sitzen. Von der Parkbank rauchend auf die Schwelle eines Ladeneingangs. Vielleicht lauschst du Caruso, der das goldene Horn des Grammophons in Schwingung versetzt und das Kätzchen auf der Wolldecke weckt. Ein mürrischer und etwas selbstzufriedener Stadtpoet bist du vielleicht geworden. Du wiegst schwer irgendwo zwischen Nord- und Südpol und denkst vielleicht an den Norden. An hier unbekannte Farben, an ein weit entferntes Blauweiss. Ich sah dich an der Theke einer Bar mit Männern im Bass plaudern. Pulcinella plaudert hier schamlos in beliebiger Gesellschaft deine Geheimnisse aus. Er gibt sie den Bienen und den Tauben mit. Deine Geheimnisse sind scharfe Honigbisse zuckersatter Bienen, die um die Granita schwirren. Die graublauen Tauben breiten deine Geheimnisse schimmernd auf ihren Fächern aus und fächeln dabei Lüftchen. Hier brauchst du deinen Mantel nicht, das warme Tier. Federn reichen. Ein Flug aus dem Mantel- ins Mandelland, Mandel‘stam.</p>
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		<title>Nach alten Leuten googeln</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Jan 2009 22:22:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Obwohl ich gerade aufbrechen möchte, beschäftigt mich ein kleines Kartonpaket, das vis-à-vis von mir auf dem Tisch steht. Ich bin soeben von der Post zurückgekehrt, wo mir dieses zehn auf zwanzig flächige und 15 cm hohe Päckchen abgegeben wurde. Ich hatte 6 Franken zu bezahlen, denn es handelt sich um eine Rücksendung. Ich kenne das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Obwohl ich gerade aufbrechen möchte, beschäftigt mich ein kleines Kartonpaket, das vis-à-vis von mir auf dem Tisch steht. Ich bin soeben von der Post zurückgekehrt, wo mir dieses zehn auf zwanzig flächige und 15 cm hohe Päckchen abgegeben wurde. Ich hatte 6 Franken zu bezahlen, denn es handelt sich um eine Rücksendung. Ich kenne das Päckchen natürlich. Am 23. Dezember ging ich in die überfüllte, von Geschenken angereicherte, Bahnhofspost, um jemandem, der weit weg ist eine Freude zu machen. Und schickte das kleine Schachtelchen mit besten Wünschen und der Hoffnung, dass es ankommt, ab. Weit weg ist eigentlich nicht ganz richtig. Das Paket reiste nur bis nach Zürich und prallte an der Tür eines Stadthauses im Kreis 7 anscheinend ab. Die Entfernung in einem kleinen Land ist selten der Raum, sondern vielmehr die Zeit. Mindestens 50 Jahre trennen mich von dem &#8220;Empfänger&#8221; gemäss Alter und 4 Jahre im Nicht-mehr-wissen voneinander. Insgesamt haben wir uns 2 Jahre nicht gesehen und  zwanzig Jahre nicht gekannt.</p>
<p>Jetzt steht diese – beinahe hätte ich geschrieben &#8220;Person vor mir&#8221; – Rücksendung vor mir. Vollgeklebt mit Adressen, Barcodes, Postklebern, lauter Informationen – ein einziges Fragezeichen. Wo kann sie sein, diese ältere Dame und ihre Freundin, an die ich vielleicht mit kleinen stichelnden Schuldgefühlen dachte. Die Antwort auf meine Sendung: Ich bin nicht mehr da.</p>
<p>Natürlich habe ich mich zuerst im TwixTel, im TelSearch, auf der Seite des  gemeinnützigen Frauenvereins erkundigt. Da ich ihren Namen aber nirgends finden konnte, versuchte ich es einfach auf gut Glück an die mir bekannte Adresse. Ihre Freundin und Nachbarin im oberen Stock war oder ist ja auch noch da? Google ich jetzt ihren Namen, stosse ich auf eine Homöopathin in Augsburg (ich denk die wahre *, die ich suche, war doch eher eine Besucherin des gewöhnlichen Hausarztes). Ein weiterer Eintrag ist der eines feschen gleichnamigen Mädels aus der Steiermark, das aus ähnlicher Motivation wie ich bei StayFriends aktiv ist. Ansonsten Einträge im Moneyhouse. Beim Gedanken, die beiden im Moneyhouse anzutreffen, muss ich etwas lachen. Vielleicht führen die beiden ihren eigenen erfolgreichen Frauenverein mittlerweile? Der Gedanke ist tröstlich. Befreundet, sozusagen, eigentlich eher benachbart und sozialisiert waren wir zusammen im no-money-house, im Hafen für pensionierte, ausgediente Hausmädchen, altledige Damen und blauäugige groschenlose Studentinnen, die Zürich für den Windkanal in die gloriose Zukunft hielten. Wir nannten es &#8220;das Kloster&#8221;. Schwester Sarah und Schwester Monika sowie ihre zukunftsträchtigen Freundinnen und die  älteren Schwestern Frau Güfeli (ehemaliges Hausmädchen und Fast-Familienmitglied), Frau Gräser (ehemalige Psychiatrieschwester), Frau Gruberova (ehemalige Angestellte, sehr belesen, irgendwie die Ingeborg Bachmann im hohen Alter und versteckt hinter grossen 70Jahre-Sonnenbrillengläsern). Und viele mehr. Suche ich namentlich nach einer dieser älteren Nachbarinnen, finde ich einen Facebook-Eintrag:  &#8220;i<span>st bei einem sozialen Netzwerkprogramm, das Menschen mit Freunden und anderen verbindet&#8221;. Doch diese Dame, die mich anstrahlt, ist keine Bewohnerin des no-money-house! Soziales Netzwerk &#8230; Findet man denn immer die, die man wirklich sucht? Suche ich Miss Facebook 2008? Zufälligerweise kenne ich sie sogar. Ich geb zu, das war die letzte Person, nach der ich gesucht hätte. Da stosse ich täglich auf Leute, die wollen, dass man sie kennt, erkennt und wieder sucht. Oft erfülle ich natürlich solche narzisstischen Wünsche. Darum, bitte, ich suche einmal jemanden, der sich keiner virtuellen Community eingeschrieben hat und ganz schüchtern selbst die physische Community betrat. Spucks doch aus, du allwissendes Google.</span></p>
<p><span> Ich klappere auf der Tastatur. Ich fühl mich von diesem Paket herausgefordert. &#8220;Empfänger konnte unter angegebener Adresse nicht ermittelt werden&#8221; kann ich nachvollziehen, doch &#8220;keine Einträge zu dieser Person gefunden&#8221;, &#8220;diese Person existiert nicht&#8221;, &#8220;gibt es nicht&#8221; lass ich nicht so gelten.</span></p>
<p>Diese Frauen haben kaum den Stadtraum betreten, denn jeder Schritt kostete sie zuviel. Jüngere Leute, die ebensowenig ihren physischen Lebensraum wahrnehmen wie die Schwestern, die findet man hier meistens im Internet. Die haben sich wenigstens dafür entschieden zuhause unterwegs zu sein. Ob die älteren Schwestern jemals im Internet waren? Vielleicht haben sie sich mit einem jüngeren Bild getarnt oder sind diejenigen, die sich hinter einem der rätselhaften low profiles verstecken?</p>
<p>Ich mache einen Test: Ich google meinen Grosspapi, der ein fleissiger Internetbenutzer ist. Und – ich bin natürlich enttäuscht. Kein einziger Eintrag! Dabei war mein Grosspapi Jahrzehnte, und ich mach mich nicht etwa lustig, im Samariterverein und spendete über zwanzig Jahre gewissenhaft sein Blut. Die älteren Leute suchen im Internet Informationen, keine Freunde, sagt er mir erklärend, denn Freunde habe man schon oder finde nun auch keine mehr.</p>
<p>Ich kann den Schwestern in Zürich kein einfaches unkompliziertes Pixelgeschenk machen, das ich bei Facebook oder StayFriends poste. Es geht nur per Schachtel und Reise durch den Raum, vor die Tür, per Knopfdruck durch die Hausklingel. Natürlich brauchts da mehr als ein &#8220;Willst du meine Freundin sein&#8221; zu einer Bekannten, die man nie trifft und die man wohl nie im Leben einfach so mal aufsuchen würde. Denn was sagst du an der Tür? – Ich habe eben gerade an dich gedacht, und ich so fuhr ich zu dir (mit dem Hintergrund, dass man sich 6 Jahre nicht mehr gesehen hat und an der Schule abundzu, wenns gut kam, ein paar Mal zusammen in der Mensa war – doch genau die, ja die!, wollen ja alle deine Freundinnen sein! Keine Ahnung wieso. &#8220;Christiane F. has got 1188 friends&#8221;&#8230;)</p>
<p>Ja, warum wollte ich ein Geschenk an jemanden schicken, den ich nie sehe, und selbst wenn ich in Zürich bin, bin ich ehrlich, nicht unbedingt mit überzeugter Vorliebe aufsuchen würde? Das fragt mich das Paket. Und schüttelt sich vor Lachen. Wollte ich ein Gutmensch sein zu Weihnachten? Mich doch mal melden nach zig Jahren, mit der Erwartung, dass sie ja eine solche Freude hätten eine Überraschung zu erhalten, ein sich-an-sie-erinnern? </p>
<p>Meine Erinnerung verliert ihre Referenz. Zurück kam nur die Schachtel. Das kann jedem passieren. So wirklich wie die Postschachtel, so steht in Zürich das no-money-house. Ich gehe hin und drücke auf den alten Türknopf: enter oder <span>– ich mache ein post-it: Bitte übergeben Sie dieses Paket Frau * und *. Falls dies nicht möglich sein sollte, teilen Sie das Paket untereinander auf. Herzliche Grüsse an alle Schwestern, Sarah Müller. </span></p>
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		<title>Neulich im Zug</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Feb 2008 18:47:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war ein Sonntagabend. Ich bestieg am HB Zürich den Schnellzug nach Bern. Ich überlegte etwas länger als sonst, ob ich oben oder unten sitzten sollte und nahm schliesslich neben der Gepäckablage in einem Viererabteil platz. Etwas lustlos nahm ich mein Buch hervor und begann etwas darin zu lesen, als plötzlich drei junge Männer ins [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war ein Sonntagabend. Ich bestieg am HB Zürich den Schnellzug nach Bern. Ich überlegte etwas länger als sonst, ob ich oben oder unten sitzten sollte und nahm schliesslich neben der Gepäckablage in einem Viererabteil platz. Etwas lustlos nahm ich mein Buch hervor und begann etwas darin zu lesen, als plötzlich drei junge Männer ins Abteil kamen und sich etwas unsicher zu mir setzen und dann doch rücksichtsvoll auf mein und eine anderes Sitzabteil aufteilen wollten. Ich sagte ihnen, sie können ruhig zusammen neben mir sitzen, es würde mich nicht stören. Sie sprachen in einer fremden Sprache. Ich hielt sie für Zentralasiaten, konnte aber ihre Sprache keinem mir dort bekannten Land zuordnen. Zu dieser Zeit dachte ich schon längst nicht mehr an die Zeilen in meinem Buch und klappte es daher auch bald einmal zu. Der, welcher gegenüber von mir sass, las murmelnd einen Text. Er hatte einen pakistanischen Basmatireissack dabei. Das machte mich schmunzeln, weil ich auch mal überlegt hatte den als Tasche zu verwenden. Irgendwann dann müssen wir ins Gespräch gekommen sein. Ich fragte sie, in welcher Sprache sie sich unterhielten. Es sei Farsi, denn sie seien aus dem Iran bzw. einer aus dem türkischen Grenzgebiet zum Iran. Wir unterhielten uns also etwas über den Iran. Ich kenne viele Leute, die kürzlich dort gewesen waren, einschliesslich mein Freund, und interessiere mich generell für diese Region. Ich erzählte, wo ich in letzter Zeit so gewesen bin, dass ich auf dem Rückweg aus Georgien in der Türkei gewesen war. Deshalb fragte ich, von wo der eine genau stamme, ob er in der Nähe von Kars aufgewachsen sei. Eigenartigerweise kannte er Kars nicht, was mich sehr erstaunte, zumal er sich als Kurde ausgab. Dass er nicht wie ein Kurde aussah, schwante mir , aber man gibt sich meistens nicht ungläubig, wenn jemand seine Volkszugehörigkeit verrät. Es kam mir manchmal vor, als ob sie mir geschickt in gewissen Fragen auswichen, gerade dann, wenn ich wissen wollte, wo sie denn studiert hatten und wie die Lage denn früher gewesen war und wie sie heute aussieht. Die Unterhaltung war natürlich an und für sich sehr nett , sonst hätten wir auch gar nicht soviel reden können, denn die Zeit verstrich im Eilzug. Die drei jungen Männer waren sehr sympathisch und v.a. höflich. Offensichtlich weilen sie noch nicht so lange in der Schweiz. Ich schien eine der ersten Personen zu sein, mit denen sie sich  ausführlicher unterhielten. Die Unterhaltung war eigentlich nur mit einem der drei in Englisch möglich, und dieser übersetzte jeweils seinen Freunden. Der andere konnte schon etwas Deutsch. Sie waren offensichtlich auch noch etwas unsicher, wie sie sich mit einer Frau unterhalten sollen. Ganz offen meinte einer von ihnen: &#8220;Entschuldige, wenn ich dich beim Reden noch nicht anschaue, das ist für uns noch so ungewohnt. Aber ich gebe mir Mühe das zu lernen.&#8221; Da musste ich schon ziemlich lachen. Wir kamen auf die momentane politische Lage im Iran zu sprechen, auf Amerika und natürlich Afghanistan und Irak. Als ich Afghanistan sehr bedauerte und vor allem den Untergang einer ganzen Kultur, stellte ich fest, wie alle drei mich gebannt anschauten. Ich fand, es sei traurig, dass Afghanistan oftmals fälschlicherweise mit  Terrorismus in Verbindung gebracht und das Land als solches mit seiner ehemals sehr säkulären Kultur beinahe vergessen werde. Der, welcher sich als Kurde ausgegeben hatte, schaute mich an, sagte merkwürdig beherzt: &#8220;Bravo, dasselbe fühlen wir auch.&#8221; Naja, meinte ich, so würden viele andere Menschen hier eigentlich auch denken. Dann meinte er, sie müssten mir etwas gestehen. Sie hätten mich angelogen. Sie seien gar keine Iraner bzw. Kurden, sondern Afghanen. Natürlich war ich ganz konsterniert. Zuerst musste ich lachen, weil irgendwas bei der ganzen Unterhaltung ja nicht reingepasst und es zuviele Ungereimtheiten gegeben hatte. Dann fragte ich sie, warum sie sich denn als Iraner ausgeben. Als Afghane habe man doch einen eher schlechten Ruf. Erst kürzlich habe man ihn als &#8220;Tourist&#8221; beschimpft. Ich muss wie ein Fragezeichen im Raum gestanden haben. &#8220;Was ist denn in der Schweiz bitteschön schlimm daran Tourist zu sein?&#8221; Auf diese Frage schauten sie mich wiederum mit grossen Augen an. Es ging noch eine Weile so hin- und her, bis ich zuguterletzt verstand, was sie mit dem absurden &#8220;Touristen&#8221; meinten. Terrorist. Ich glaube man wird mir doch hier zustimmen, dass es sich also um einen sehr tumben, sogar vernachlässigbaren Schweizer gehandelt haben muss, welcher ihn aufgrund des &#8220;Afghanentums&#8221; als Terroristen beschimpfte. Ebenso hoffe ich, dass meine Behauptung, dass viele Schweizer über einen etwas differenzierteren Blick und ein etwas sensibleres Verhalten verfügen, wahr ist. Auch das kann angezweifelt werden. Ich konnte es kaum glauben, dass drei Afghanen vor mir sassen und sich allen Ernstes aus Vorsicht als Iraner ausgaben, weil Farsi ihrer Landessprache Dari ja ganz  nahe steht. Ist das wirklich die Möglichkeit? Oder war das auch eine Geschichte? Die Begegnung wirkte dennoch rührend. Sie entschuldigten sich tausendmal dafür, dass sie mir nicht von Anfang an die Wahrheit erzählt hatten. Sie hätten ja nicht ahnen können&#8230; und so weiter. Der, welcher sich als Kurde ausgab, war schliesslich ein Hazara, ein Angehöriger einer Minderheitengruppe in Afghanistan. Ich insistierte etwas naiv, dass momentan der Film &#8220;The Kite Runner&#8221; in den Kinos gezeigt werde, in dem es unter anderem um einen Hazara-Jungen gehe. So quasi: So ganz egal ist uns euer Land auch wieder nicht. Der Name des Buchautoren Khaled Housseini schien in ihm zwar eine Erinnerung zu wecken, doch ich erfuhr nicht mehr, ob er die Geschichte kannte. Wir fuhren in Bern ein.Wir verabschiedeten uns auf dem Bahnsteig. Das war eine kurzweilige Fahrt der unglaublichen Geschichten.</p>
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		<title>Im Schwimmbad</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Feb 2008 17:51:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sarah</dc:creator>
				<category><![CDATA[Texte eines irdischen Alltags]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Während der Sommermonate habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, während des Verfassens von Semesterarbeiten oder überhaupt während intensiver Lernphasen ins Freibad zu gehen und meinen Körper im Wasser abstrampeln zu lassen. Dazu hat das an frühen Nachmittagen so stille Wylerbad seine eigene kleine Poesie. Ein feiner Windhauch kräuselt die glatte Wasseroberfläche, welche zwei Rentnerinnen und ich in gleichmässigem Rhythmus schweigend durchpflügen. Danach legt man sich auf den heissen Stein und lässt sich von einer einzelnen Ameise die Wade kitzeln. Immer wieder sieht man dieselben Gesichter, meine Lieblingsdame mit der Taucherbrille, die genüsslich hin- und herplanscht, den Mann, der ausgestreckt am Beckenrand den ganzen Tag der Sonne frönt.?Jetzt im Winter ist es irgendwie anders im gedeckten Hallenbad. Der Chlorgeruch ist etwas streng, und die Hektik im Becken am frühen Abend erinnert an den Abendverkehr. Es ist immer interessant, während des Schwimmens das Geschehen zu beobachten. Ich habe deshalb bis jetzt noch nicht die Schwimmbrille ausprobiert. Da fällt mir immer wieder der Mann in den Mitvierzigern hinter seiner Schachzeitschrift auf. Abundzu scheint er ganz vertieft zu sein in einen Schachzug, später beobachtet er längere Zeit den kräftigen Schwimmzug einer Dame.<br />
An manchen Tagen kommen sogar die Synchronschwimmerinnen, die zu lauter Musik ruckartig und mit angespannten Gliedern ihre Wasserakrobatik im Gleichtakt üben. Ich schwimme in der Bahn für “Kreisschwimmer” und werde immer wieder von zwei tätowierten Wundern überholt, die ganz ergeben wie zwei Fische durchs Wasser tauchen. Obwohl man wesentlich weniger freizeitlichen Charme empfindet als im Freibad, ist das Hallenbad trotzdem nicht nur Sport-, sondern auch ein bisschen Schauplatz.</p>
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